Dokumentation
Bezos' Brief an die Mitarbeiter der „Washington Post“

Nach der Übernahme ist die Verunsicherung bei den Mitarbeitern der „Washington Post“ groß. Was wird Amazon-Gründer Jeff Bezos mit dem Traditionsblatt anstellen? Bezos wendet sich in einem Brief an die Belegschaft.
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An die Mitarbeiter der Washington Post:
Sie haben die Nachrichten gehört und viele von Ihnen werden mit Besorgnis darauf reagiert haben. Wenn eine einzelne Familie (Familie Graham, Anm. d. Redaktion) ein Unternehmen viele Jahrzehnte besitzt und wenn diese Familie all diese Jahrzehnte im guten Glauben handelt, nach hohen Grundsätzen in guten wie in schlechten Zeiten, als Hüter wichtiger Werte – wenn eine Familie eine solch gute Arbeit geleistet hat, ist es ganz normal, sich über Wandel zu sorgen.

Also, lassen Sie mich mit etwas Entscheidendem beginnen. Die Werte der „Post“ brauchen keine Veränderung. Die Zeitung wird Ihren Lesern verpflichtet bleiben, nicht den privaten Interessen ihrer Eigner. Wir werden weiterhin der Wahrheit folgen, wo auch immer sie hinführt und wir werden hart arbeiten, um keine Fehler zu machen. Und sollten wir doch, werden wir schnell und umfassend dazu stehen.

Ich werde die Washington Post nicht im Tagesgeschäft führen. Ich bin glücklich, im „anderen Washington“ zu leben, wo ich einen regulären Job habe, den ich liebe. Abgesehen davon hat die „Post“ bereits ein hervorragendes Führungsteam, das viel mehr vom Nachrichtengeschäft versteht als ich und ich bin äußerst dankbar, dass das Team zugesagt hat, an Bord zu bleiben.

Natürlich wird es in den kommenden Jahren Wandel bei der „Post“ geben. Das ist lebenswichtig und wäre mit oder ohne neue Eigentümer geschehen. Das Internet verändert beinahe jeden Baustein des Nachrichtengeschäfts: kürzere Nachrichtenzyklen, wegbrechende, lange verlässliche Einnahmenquellen und die Ermöglichung neuer Arten von Wettbewerbern, von denen einige nur geringe oder keine Kosten für Nachrichtenbeschaffung haben. Es gibt keine Karte – und einen Weg zu finden, wird nicht einfach sein. Unser Prüfstein werden die Leser sein, zu verstehen, was ihnen wichtig ist – Regierung, lokale Führungsfiguren, Restaurant-Eröffnungen, Pfadfindergruppen, Unternehmen, wohltätige Organisationen, Gouverneure, Sport – und von dort aus werden wir rückwärts arbeiten. Ich bin begeistert und zuversichtlich über die Möglichkeiten neuer Entwicklungen.

Journalismus spielt eine entscheidende Rolle in einer freien Gesellschaft, und die Washington Post – als die Heimatzeitung der Hauptstadt der Vereinigten Staaten – ist besonders bedeutend. Ich möchte zwei mutige Schritte herausstellen, die die Grahams als Eigner gegangen sind und die ich kanalisieren möchte. Der erste ist der Mut zu sagen: wartet, seid sicher, schaltet runter, besorgt eine weitere Quelle. Echte Menschen und ihr Ruf, Lebensgrundlagen und Familien stehen auf dem Spiel. Der zweite ist der Mut zu sagen: folgt der Geschichte, egal was sie kostet. Auch wenn ich hoffe, dass mir niemals jemand drohen wird, eines meiner Körperteile durch eine Presse zu drücken – sollte das geschehen, bin ich dank des Vorbilds von Mrs. Graham, vorbereitet.

Ich möchte eine letzte Sache erwähnen, die nichts mit der Zeitung zu tun hat oder dem Eigentümerwechsel. Ich habe das große Vergnügen gehabt, Don (Donald Graham, CEO der Washington Post, Anm. d. Red.) in den vergangenen mehr als zehn Jahren gut kennen zu lernen. Ich kenne keinen edleren Mann.

Hochachtungsvoll,
Jeff Bezos

Kommentare zu " Dokumentation: Bezos' Brief an die Mitarbeiter der „Washington Post“"

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  • Kaum ist Jeff Bezos bei den Bildebergern schon geben die Aktionäre ihr OK .. lach ... ein Puppentheater nun weiss man auch wem die Zeitung gehört hat lol

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