Düsseldorfer Terrassengespräche: Mensch gegen Maschine?

Düsseldorfer Terrassengespräche
Mensch gegen Maschine?

Wohin führt der Vormarsch der künstlichen Intelligenz? Und was macht dann noch den Menschen aus? Beim Düsseldorfer Terrassengespräch diskutierten Experten über menschliche Kreativität im Zeitalter der Maschinen.
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DüsseldorfWas künstliche Intelligenz leisten kann, wurde in der verstörenden Liebesbeziehung zwischen Hauptfigur Theodore Twombly und seiner digitalen Sprachassistentin im US-Spielfilm „Her“ deutlich. Theodore verliert sich restlos an die sanfte Stimme in seinem Smartphone. Hollywood liebt solche Szenarien. Auch Regisseur Steven Spielberg schuf in „A.I.“ einen mit künstlicher Intelligenz präparierten kindlichen Roboter David: eine mit einem Bewusstsein ausgestatte Maschine, die sich nichts mehr wünscht, als ein Mensch zu werden, und auf die Suche nach ihrer Vergangenheit geht.

„Die digitale Revolution stellt die Menschheit vor nie dagewesene Herausforderungen“, sagte Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe zum Auftakt des ersten Düsseldorfer Terrassengesprächs des Jahres. Zu der Veranstaltung unter dem Motto „Magic & Machine: Die Rolle menschlicher Kreativität in Zeiten von Big Data und künstlicher Intelligenz“ waren am Mittwochabend rund 100 Gäste auf die Dachterrasse des Handelsblatt-Verlagshauses gekommen.

Künstliche Intelligenz: ein Schlagwort, das gleichzeitig Ängste und Hoffnungen auslöst. Bringt sie das Ende der Arbeit, das Ende der Menschheit oder aber die Evolution eines völlig neuen Menschen? Was wirklich geschehen kann, wenn die Maschinen immer intelligenter werden und was den Mensch dagegen auszeichnet, darüber diskutierten Bestseller-Autor Tim Leberecht („Business-Romantiker“), Fabian Kienbaum, Geschäftsführender Gesellschafter von Kienbaum Consultants International, sowie der Markenexperte und Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt, Frank Dopheide. Dabei ist eines klar: Die Revolution der Maschinen ist nicht mehr aufzuhalten. Statt Angst braucht es Lösungen und neue Denkansätze.

Schon heute lassen sich Maschinen mit künstlicher Intelligenz hautnah erleben, stellte Handelsblatt-Chefreporterin Tanja Kewes fest, die als Moderatorin durch den Abend führte. Dazu zählten Amazons Sprachassistentin Alexa oder der IBM-Supercomputer Watson. Auch die Diskussionsteilnehmer haben damit bereits Erfahrungen gesammelt. So beschrieb Leberecht die Roboter von Boston Dynamics, die in ihrer dem Menschen ähnlichen Form schon ein wenig unheimlich seien. Handelsblatt-Geschäftsführer Dopheide beschrieb ein Zusammentreffen mit Watson, den er gefragt habe, wer der erste schwarze Präsident der USA gewesen sei. Die Antwort: Bill Clinton. „Hoppala, habe ich gedacht, falsch programmiert?“ Lachen im Publikum, Dopheide klärte auf: Watson habe diese Antwort nicht von Clintons Hautfarbe abhängig gemacht, sondern von dessen Gesetzen zu Gunsten der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und der Besetzung seines Kabinetts.

Es ist eine andere Art zu denken. Doch was genau macht den Menschen aus? Autor Leberecht ist sich sicher: Empathie, Kreativität – Menschlichkeit eben. Denn noch habe keine Maschine einen Charakter. In Zukunft gewännen Berufsfelder an Bedeutung, die sich genau damit auseinander setzen. Das Silicon Valley habe dies bereits erkannt, sagte Dopheide: „Die gefragtesten Leute sind gerade diejenigen, denen man eine hohe Empathie zuschreibt, die Drehbuchautoren, Philosophen, Bühnenbildner.“ Auch der Führungsstil müsse sich im Zeitalter der Maschinen ändern, sagt Personalexperte Kienbaum: Führungskräfte müssten digitale Kompetenzen haben, aber auch emotionale. Effizienz und Statusorientierung seien dem nicht immer dienlich.

Auch die Gäste diskutierten mit. Was geschehe denn, wenn Maschinen nun zum Lebensbegleiter von Menschen würden? Welche emotionale Basis schaffe das für Kinder? Autor Leberecht ist sich sicher: Der Mensch habe eine Sehnsucht nach Intimität. Das könne keine Maschine, und sei sie noch so klug, bieten, zumindest noch lange nicht.

Auch die Disruption der Arbeitswelt war Gegenstand vieler Fragen: Was passiere mit den Abgehängten, mit denen, deren Job dann von einer Maschine erledigt würde? Es sei klar, dass genau das das eigentliche Problem dieser digitalen Revolution werden würde, so Kienbaum. Leberecht verwies auf den israelischen Futuristen Yuval Noah Harari, der vor der Entstehung einer „Klasse der Nutzlosen“ warnt. Für die Experten auf der Bühne ist klar: Dagegen helfen nur Weiterbildung sowie eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie genau diesem Problem zu begegnen sei – und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Themen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen.

Genau das stelle aber auch das Bildungssystem vor völlig neue Herausforderungen, bemerkte Zuschauerin Maria Schmidt von der Bildungsinitiative „Der Gipfel der Herzensbildung“: Welche Fähigkeiten bräuchten die nachfolgenden Generationen? Auch hier herrschte Einigkeit auf der Bühne: Dopheide erklärte, dass das jetzige Bildungssystem den Anforderungen der digitalen Revolution nicht mehr gerecht werde. Mathe, Physik, Deutsch – es brauche Inhalte, die Menschen zur Kreativität und Empathie ausbilde. Buchautor Leberecht forderte, die Geisteswissenschaften stärker zu betonen. Dort lerne man schließlich Fantasie und Vorstellungskraft.

Viel Stoff zum Diskutieren, das fanden auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Im Anschluss an Debatte und Fragerunde blieb die Terrasse noch bis in den späten Abend gefüllt.

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  • Die Diskussion mutet ein wenig so an als wäre sich Hari Seldon dieses Verlaufs bereits bewusst gewesen.

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