Dunkle Geschichte
AOL will seine Tragödie vergessen machen

Heute soll der Börsengang von AOL für eine Wiedergeburt des Internetkonzerns sorgen. Vorstandschef Tim Armstrong will die lange Tragödie des Unternehmens beenden. Anfang der 90er-Jahre lockte AOL die Deutschen mit Boris Becker ins Internet. Doch seither häufte das Unternehmen Fehler auf Fehler und verspielte Milliarden. Deshalb fragen sich viele: Wer braucht schon AOL?
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DÜSSELDORF. Heute früh verlässt Tim Armstrong für ein paar Stunden sein Büro im vierten Stock des Wanamaker Buildings, 770 Broadway, New York, und fährt durch das vorweihnachtlich frostige Manhattan das kurze Stück zur Wall Street. Um 9.30 Uhr darf der Chef von AOL die Glocke läuten und den Handel für den Tag eröffnen. AOL wird wieder dort sein, wo es schon einmal war - an der Börse. Aber sonst wird nichts sein wie zuvor.

Tim Armstrong wettet darauf, dass AOL den Aufstieg noch einmal schaffen kann. Er ist der Chef, er muss das sagen. Aber Armstrong steht mit seiner Meinung ziemlich allein da.

AOL, einst der weltgrößte Onlinedienst, hatte alles - und hat alles verloren. Es ist eine Geschichte verpasster Chancen und einer Megalomanie, die sich selbst ad absurdum führte. Nun will, soll, muss Armstrong den Mythos wiederbeleben.

Doch ihm laufen schon vor dem Börsengang die Jünger davon. Kein Wunder: Damals, vor der Fusion von AOL mit dem Mediengiganten Time Warner, lag der Börsenwert bei über 150 Milliarden Dollar. Heute sind es 2,5 Milliarden Dollar. Durch den Lieferanteneingang schleicht AOL an die Wall Street zurück. Jeder Time-Warner-Aktionär hat gestern für elf Time Warner-Aktien - eine AOL-Aktie in seinem Depot. Doch schon seit Tagen stoßen Aktionäre ihre Papiere ab. Sie rechnen nur mit fallenden Kursen. Selbst der Internetriese Google hat seine AOL-Aktien trotz hoher Verluste zurückgegeben. Vertrauen in die Zukunft sieht anders aus.

Das liegt daran, dass bei AOL alle Zukunft bereits in der Vergangenheit zu liegen scheint. Denn die war glorreich. Social Media? Download-Plattformen? Online-Musik? Instant-Nachrichten? Virtuelle Welten? Facebook? Twitter? iTunes? Second Life? - AOL hat es alles schon irgendwie mal gehabt - und versiebt. Terry von Bibra, heute Chef von Yahoo Deutschland, verhandelte damals für Amazon mit AOL. "Ganz harte Hunde" seien das gewesen, erinnert er sich. Und heute? "Irgendwie hat die Geschichte Züge einer echten Tragödie", sagt er.

Begonnen hat alles in einem Kaff namens Vienna, Virginia. Dort begann 1983 der junge Steve Case bei der Control Video Corporation, einer Firma, die Spiele für den Atari 2600 verkaufte. CVC übertrug die Spiele per Modem und Telefonleitung auf die Rechner der Kunden. 1989 nennt sich CVC America Online, zwei Jahre später rückt Steve Case zum CEO auf.

Den unbescheidenen neuen Firmennamen verheiratet Case mit einem genialen Einfall: AOL macht aus dem High-Tech-Spielzeug für Freaks eine lustige Geschichte für die ganze Familie. AOL stülpt dem Gewirr aus kryptischen Netzwerk- und Onlineprotokollen eine nutzerfreundliche, bunte Mütze aus Software über und füllt das Ganze mit einer Auswahl vorsortierter Online-Angebote. Case bietet seinen Kunden eine Internetwerkstatt ohne Internet. Zugang, Inhalte und Service: alles aus einer Hand.

Das trifft in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren, als das Internet zum Massenmedium wird, den Nerv der Zeit. Im Juli 1995 folgt der Durchbruch in Europa: Case gründet AOL Deutschland als Joint Venture von Bertelsmann und AOL Europe (siehe: Middelhoffs Deal).

Frank Sarfeld, damals Kommunikationschef von AOL in Deutschland, erinnert sich: "Mit E-Mail, Internet, Chat, SMS-Versand, Musik, Videos, Instant Messaging und Newsfeeds haben wir die Telekoms der Welt vor uns her getrieben. Während bei T-Online noch Sternchen, Rauten und Zahlen eingetippt werden mussten, hatten wie bunte, spannende und ganz einfach per Mausklick zu bedienende Inhalte." AOL ist die Zukunft, und AOL ist allein auf weiter Flur.

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  • "Er sehe das Heil im sogenannten Content-Geschäft, also bei inhalten und Medien. Nur ist das eine völlig absurde Vorstellung "

    Aber auch das Handelsblatt versucht sich in bezahltem Content, ist das nicht eine absurde Vorstellung ?

    Für einen Artikel zahlen, bevor man ihn gelesen hat? Danke, das haben viele Leute schon bereut, den Versuch machen sie nie mehr.

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