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07.12.2007 
Tele Atlas

Durch den Großstadtdschungel in 3D

von Joachim Hofer

Der Boom des Navi-Geschäfts fängt gerade erst an. Doch schon heute ist Tele Atlas ein begehrtes Übernahmeziel. Am Freitag geht der Kampf um den Straßenkartenanbieter in die nächste Runde: Die Aktionäre von Tele Atlas stimmen über die Milliardenofferte von Tomtom ab.

Tele Atlas setzt künftig auf dreidimensionale Stadtpläne. Foto: ArchivLupe

Tele Atlas setzt künftig auf dreidimensionale Stadtpläne. Foto: Archiv

AMSTERDAM. Der Mann hat die Zukunft schon genau vor Augen: Wenn er künftig an irgendeinem Flughafen der Welt aus der U -Bahn steigt, verlässt er sich nicht mehr auf teilweise verwirrend angebrachte Schilder, die ihm den Weg zum Schalter seiner Fluggesellschaft weisen. Ein Navigationsgerät soll ihn im Flughafen-Gebäude dirigieren. „Die Darstellung wird mit der Zeit immer detaillierter“, sagt Hans-Jörg Lindner, Manager bei Tele Atlas, einem Kartenhersteller für Navigationssysteme. In ein paar Jahren sei daher auch die Navigation in geschlossenen Räumen möglich.

Solche Visionen sind offenbar Milliarden wert – zusammen mit all den Daten, die Tele Atlas heute schon bietet, machen sie das Unternehmen zu einem begehrten Übernahmeziel. Liefert es doch die wichtigste Ware in dem rasant wachsenden Markt der mobilen Navigationsgeräte.

Vor gut einem Monat ist ein Wettstreit um Tele Atlas entbrannt – zwischen den beiden Herstellern elektronischer Wegweiser Tomtom und Garmin. Am Freitag geht der Kampf in die nächste Runde: Um zwölf Uhr treffen sich die Aktionäre von Tele Atlas im Amsterdamer Hilton-Hotel, um auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über die Übernahme-Offerte von Tomtom zu diskutieren.

Tomtom, Europas größter Hersteller tragbarer Navigationsgeräte, will 2,9 Milliarden Euro zahlen – das ist das 44-Fache des operativen Gewinns, den Tele Atlas für dieses Jahr erwartet. Ursprünglich wollte Tomtom -Chef Harold Goddijn nur 1,8 Milliarden hinlegen. Dann kam ihm US-Konkurrent Garmin in die Quere, und Goddijn musste nachlegen.

Tomtom steht unter Zugzwang. Denn der boomende Markt für Navigationsgeräte zieht neue Spieler an. In Zukunft hat nach Ansicht von Experten daher derjenige einen Wettbewerbsvorteil, der Navigationsgeräte und digitale Straßenkarten aus einer Hand anbieten kann.

Den Markt für Karten beherrschen seit je Tele Atlas sowie Navteq aus den USA. Und das Unternehmen will bereits der Handyproduzent Nokia für 5,7 Milliarden Euro übernehmen. Für Tomtom bleibt also nur Tele Atlas übrig.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Erfolg ist enorm

Solange die Transaktionen noch nicht abgeschlossen sind, schließen Branchenbeobachter nicht aus, dass sich weitere Bieter in den Kampf einschalten und die Preise in die Höhe treiben. Weil Navigationsgeräte ähnlicher und damit austauschbarer werden, kommt es stärker auf die Inhalte an. Die technischen Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgereizt.

Bislang waren die handlichen Minicomputer meist nicht mehr als aufgemotzte Landkarten: ein kleiner Bildschirm, darauf bunte Linien mit einem Pfeil und eine Stimme, die den Weg angibt. Dennoch ist der Erfolg enorm: 2006 gingen in Deutschland zwei Millionen solcher Geräte über den Ladentisch. Dieses Jahr, schätzt der Branchenverband GfU, werden es 3,6 Millionen sein.

Und das ist nur der Anfang: "Die Navigationsbranche wächst so stark wie das Mobilfunkgeschäft in den 90er-Jahren“, schwärmt Goddijn. Wer den Tomtom -Chef in der Zentrale besucht, der versteht schnell, wovon er spricht. Die Expansion ist hier hörbar. In einer Ecke des Großraumbüros sprechen einige Männer und Frauen französisch, gleich daneben sind die Schreibtische der Italiener und Spanier. Ein paar Meter weiter diskutiert eine Gruppe Polen.

Die meisten dieser Mitarbeiter sind neu in der Rembrandtplein 35 in Amsterdam. In dem gesichtslosen Bürotrakt im Zentrum der Stadt arbeitet die internationale Gruppe auf engstem Raum, um die Anrufe der Kunden in deren Muttersprache zu beantworten. Im Monatsrhythmus kommen neue Call-Center-Beschäftigte aus weiteren Nationen dazu, denn Tomtom wächst rasant.

Wäre da nicht der Konkurrent aus Finnland, müsste sich Tomtom -Chef Goddijn wohl nicht so viele Gedanken um die Zukunft machen. Doch Nokia lässt keinen Zweifel daran, dass es tiefer in das Geschäftsfeld von Tomtom vordringen will. Geht es nach Nokia -Chef Olli-Pekka Kallasvuo, werden Navigationsgeräte nicht nur Autos, sondern auch Fußgängerzonen erobern. Die ersten Nokia -Handys mit satellitengestützter Wegweiser-Funktion sind bereits auf dem Markt. Mit Navteq im Rücken will Nokia offenbar Spezialisten wie Tomtom das Leben schwermachen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das Geschäft beruht auf einem einfachen Prinzip

Noch vor fünf Jahren war das Unternehmen eine Garagenfirma mit 20 Leuten. Jetzt beschäftigt Tomtom mehr als 1 000 Mitarbeiter und wird bis zum Jahresende wohl Geräte für knapp 1,8 Milliarden Euro verkaufen.

Das Geschäft beruht auf einem einfachen Prinzip. Minicomputer werden mit digitalem Kartenmaterial gefüttert. Der Standort des Nutzers wird per Satellit ermittelt. Die Angaben sind so genau, dass Assistenzsysteme einschreiten könnten, wenn ein Fahrer zu schnell in eine Kurve fährt.

Die digitalen Karten entwickeln die Unternehmen aus dem Blickwinkel der Nutzer. An einem Autobahnkreuz erfassen die Experten beispielsweise jede einzelne Spur, um dem Autofahrer genaue Anweisungen geben zu können, wo er sich zu welchem Zeitpunkt einzuordnen hat.

Was derzeit noch sehr nach elektronischer Landkarte aussieht, wird bald eher als eine Art Film daherkommen. Denn die Kartenproduzenten sind dabei, die Innenstädte dreidimensional darzustellen. "Das entspricht noch nicht zu 100 Prozent der Realität. Aber es ist eine Hilfestellung für die Autofahrer“, sagt Hans-Jörg Lindner von Tele Atlas.

Sein Kollege von der Konkurrenz, Navteq -Manager Ralf Düngen, gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er von den weiteren Möglichkeiten erzählt – von elektronischen Karten von Freizeitparks, Golfanlagen und Hotel-Ressorts. Oder von beeindruckenden Alpen-Panoramen: In einem dreidimensionalen Modell ragt das Karwendel-Gebirge auf dem Bildschirm in die Höhe, davor sind die Umrisse von Innsbruck zu sehen. „Das gibt Ihnen vor der Fahrt einen wunderbaren Eindruck von der Gegend, durch die Sie danach kommen werden“, sagt Düngen. "Und Sie können sich schon vorher überlegen, über welchen Pass Sie fahren und wo Sie Pause machen wollen.“

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