Eckhard Spoerr
Noch einmal davongekommen

Freenet-Chef Spoerr hat seinen Rauswurf abwenden können – vorerst zumindest

DÜSSELDORF. Es ist ein grauhaariger Kleinaktionär, der diesem Tag im Saal II des Hamburger Kongresszentrums unfreiwillig den passenden Namen gibt. Als der Mann ans Rednerpult tritt, um zu den Investoren des Telekom-Unternehmens Freenet zu sprechen, will er eigentlich „Hauptversammlung“ sagen. Er verhaspelt sich aber, heraus kommt „Hauptverhandlung“.

Tatsächlich sitzen die versammelten Freenet-Aktionäre zu Gericht, um über die Zukunft von Konzern-Chef Eckhard Spoerr zu entscheiden. Die beiden größten Anteilseigner United Internet und Drillisch wollen die Hauptversammlung nutzen, um Spoerr mitsamt dem Aufsichtsrat aus dem Amt zu jagen. Schon monatelang vor dem Treffen hatten sich Spoerr und die Chefs der beiden Unternehmen, Ralph Dommermuth und Paschalis Choulidis, eine öffentliche Schlammschlacht geliefert.

Spoerr hatte seinen Kontrahenten im April einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, als er für 1,6 Milliarden Euro den Mobilfunkkonkurrenten Debitel übernahm. Denn Dommermuth und Choulidis hatten geplant, ihrerseits Freenet zu kaufen und unter sich aufteilen. Dafür wollen sie den 40-Jährigen jetzt büßen lassen.

Fast zwölf Stunden beraten die Investoren, um kurz vor 22 Uhr am Freitagabend fällt das Urteil: 64 Prozent der anwesenden Aktionäre stimmen für den Verbleib des Vorstandsvorsitzenden, auch der Aufsichtsrat darf nahezu unverändert weitermachen. Es ist ein Freispruch, wenn auch ein wackeliger.

Denn viele der Investoren, das wird während der Aussprache deutlich, haben sich für das kleinere Übel entschieden. Wirklich glücklich ist kaum einer der Redner mit der Arbeit des Freenet-Chefs. Die Aktie des Unternehmens hat in den vergangenen 12 Monaten rund 40 Prozent an Wert verloren, auch auf eine Dividende können die Anteilseigner wegen der Schulden aus dem Debitel-Kauf vorerst nicht hoffen.

Hinzu kommt das üppige Gehalt Spoerrs, der 2007 4,4 Millionen Euro überwiesen bekam. Genüsslich verweist Drillisch-Vertreter Robert Weber auf den Chef des ungleich größeren Konkurrenten Telekom, René Obermann, der 60 Prozent weniger verdient habe. Dass United Internet und Drillisch dennoch nur wenige Aktionäre auf ihre Seite ziehen können, liegt an ihren wenig überzeugenden Alternativen. „Es besteht die Gefahr, dass das Unternehmen ins Chaos rutscht, wenn Aufsichtsrat und Vorstand abgesetzt werden“, warnt etwa der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Steffen Kurz.

Sicher fühlen kann Spoerr sich dennoch nicht. Mehrere institutionelle Investoren sind unzufrieden mit seinem autoritären Führungsstil. Branchenkenner halten es für durchaus möglich, dass Spoerr Ende des Jahres gehen muss. Ein Nachfolger steht schon bereit: Dem bisherigen Debitel-Chef Oliver Steil, 36, trauen mehrere Großaktionäre den Job durchaus zu. Spoerr weiß das und bemüht sich darum, die Wogen zu glätten. „Wir brauchen Ruhe und Frieden“, sagt er. Dommermuth und Choulidis haben allerdings bereits verlauten lassen, notfalls mit juristischen Mitteln eine Sonderprüfung der Debitel-Übernahme durchsetzen zu wollen.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%