
SAN FRANCISCO/STOCKHOLM. Prunksucht kann man Nokia nicht vorwerfen. Bei der Eröffnung des neuen Forschungszentrums in Sunnyvale, Kalifornien, umrahmen billige Luftballons den Eingang, den Türgriff schmückt ein einsames blaues Schleifchen. Dabei wird sich hier, im Herzen des Silicon Valley, die Zukunft des kriselnden Mobilfunk-Konzerns entscheiden. In der Nachbarschaft residieren all die Gegner, die Nokia in rasender Geschwindigkeit den Rang abgelaufen haben: allen voran Apple mit seinem iPhone und Google mit dem Android-System. Der finnische Konzern, dessen Zentrale Espoo fast 9 000 Kilometer entfernt liegt, sucht nun die Nähe zu ihnen. Es ist eine unheimliche Nähe - für die Belegschaft und für ganz Finnland.
Nokia wird amerikanisch - auf diese Formel lässt sich der Plan des neuen Konzernchefs Stephen Elop bringen. Der erste Nicht-Finne an der Spitze der einst teuersten Firma Europas (gemessen am Börsenwert) wird am Freitag auf einer Investorenkonferenz in London einen weitreichenden Konzernumbau verkünden. IT-Experten erwarten eine radikale Wende, womöglich die größte seit 1967, als aus der Fusion eines finnischen Sägewerks, eines Gummi-Herstellers und eines Kabelproduzenten der Handyhersteller Nokia entstand.
Finnen flirten mit Windows Phone
Die Produkte samt Technologie sollen neu aufgestellt, der zehnköpfige Vorstand umgebaut werden, heißt es aus dem Umfeld des Konzerns. Gleich mehrere finnische Vorstände, darunter die wichtigsten Weggefährten von Ex-Vorstandschef Norma Ollila, stehen vor der Ablösung. Diverse Headhunter suchen nach Informationen des Handelsblatts nach Spitzenkräften, die aus der High-Tech-Schmiede Silicon Valley kommen sollen. Das frisch eingeweihte Nokia-Forschungszentrum in Sunnyvale wird hausintern bereits als "virtuelle Konzernzentrale" des neuen Chefs bezeichnet.
Auch die Betriebssysteme der Finnen, Symbian und MeeGo, stehen zur Debatte. Statt dessen flirtet der neue Nokia-Chef mit dem Windows Phone 7, der Plattform seines früheren Arbeitgebers Microsoft.
Elop, der im Silicon Valley Karriere machte, ist fest überzeugt: Technologische Revolutionen werden in Kalifornien angestoßen, nicht in den Wäldern Finnlands. Um die Belegschaft auf den Kulturschock vorzubereiten, hat der 47-Jährige bereits vor der Konferenz am Freitag dramatische Töne angeschlagen und vor allem die alte Nokia-Garde in einer hausinternen E-Mail ungewöhnlich scharf kritisiert: "Das iPhone erschien 2007, und wir haben noch immer kein Produkt, das ihm annähernd ebenbürtig ist. Android ist keine drei Jahre alt und hat vergangene Woche die Marktführerschaft übernommen. Unglaublich!"
Inzwischen sei Nokia umgeben von "Brandherden, die einem wüsten Feuer um uns herum neue Nahrung geben", schreibt Elop. Das klingt zugespitzt, aber nicht ganz falsch.
Fast im Monatsrhythmus wird der Niedergang Nokias mit neuen Fakten belegt. Der Marktanteil der Finnen sei im Jahresvergleich von 36,4 auf unter 29 Prozent geschrumpft, meldete die Analysefirma Gartner am Mittwoch. Dabei wird der Konzern von allen Seiten angegriffen: Im oberen Preissegment dominiert Apples iPhone das Geschehen. In der Mitte hat sich Googles Android-System fest etabliert. Bei den Billig-Handys spielen derweil asiatische Hersteller ihre Kostenvorteile aus - und wachsen deutlich schneller als Nokia. "Unsere Handys sind gebaut wie ein Ferrari, aber laufen mit einem Fiat-Motor", bringt ein Ex-Nokia-Manager das Debakel auf den Punkt.