Auch anderthalb Jahre nach den ersten Durchsuchungen ist die Schmiergeldaffäre von Siemens noch längst nicht aufgeklärt. Die großen Gewinner des Skandals stehen aber bereits heute fest: die Anwälte. Ganze Heerscharen von Experten, viele davon aus Amerika, durchforsten den Konzern – und verdienen dabei prächtig.
MÜNCHEN. Allein im abgelaufenen Quartal flossen wieder 175 Mill. Euro in die Kassen externer Berater. Unstrittig ist, dass die Spezialisten vorankommen; das hat der jüngste Bericht der Anwälte der US-Kanzlei Debevoise & Plimpton an den Aufsichtsrat gezeigt. Die Ermittler deckten Korruption in fast allen untersuchten Konzernbereichen auf.
Dennoch fragen sich Beobachter mittlerweile, ob die Aufwendungen in dieser Höhe noch gerechtfertigt sind. "Natürlich sind Aufsichtsrat und wohl auch Vorstand zu einer umfassenden Aufklärung verpflichtet", sagt Hans Aldenhoff, -Hermann Managing Partner der Kanzlei Simmons & Simmons und einer der renommiertesten Experten für Wirtschaftskriminalität in Deutschland. "Es muss aber natürlich auch ein angemessenes Verhältnis zwischen Aufwand und dem drohenden Risiko für das Unternehmen bestehen."
Siemens
hat sich eine ganze Reihe unterschiedliche Berater ins Haus geholt. Am bekanntesten sind die Anwälte der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Sie sollen die Affäre aufklären. Die Amerikaner berichten über ihre Ergebnisse direkt der US-Börsenaufsicht SEC und dem amerikanischen Justizministerium. Unterstützt werden die Juristen von Deloitte & Touche. Die Bilanzspezialisten - Hauptsitz des Unternehmens ist New York - nehmen die Siemens
-Bücher unter die Lupe.
Infografik: Im Visier der Ermittler - Aktuelle Rechtsstreitigkeiten von Siemens
Damit nicht genug: Die New Yorker Kanzlei Davis Polk & Wardwell hat den Auftrag bekommen, Siemens
rechtlich zu beraten. Die Anwälte dieser Firma vertreten den Konzern auch gegenüber amerikanischen Ermittlungsbehörden. Darüber hinaus sind die Berater von Pricewaterhouse Coopers, ebenfalls ein US-Beratungsunternehmen, an Bord. Sie helfen Siemens
unter anderem dabei, ein neues Compliance-System aufzubauen.
Dass gerade US-Firmen zum Zuge kommen, ist kein Zufall. Mit dem Engagement externer Berater will Siemens
ein Signal an die mächtige SEC und das Justizministerium in Washington senden: "Wir meinen es ernst mit der Aufklärung", lautet die Botschaft. Dabei hofft der Konzern, dass die Bemühungen bei der Bemessung der Strafhöhe berücksichtigt werden. Rund 1,9 Mrd. Euro hat die Affäre den Konzern bis jetzt bereits gekostet, etwa ein Drittel davon entfiel auf die Berater und Anwälte.
Analysten sehen die riesige Summe inzwischen sehr nüchtern. "Da tun sich ständig neue Bereiche auf, die geprüft werden müssen. Das geht natürlich ins Geld", sagt Theo Kitz, Siemens
-Analyst beim Münchener Bankhaus Merck Finck. "Siemens ist in einer schlechten Ausgangsposition. Die haben keine Wahl."
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Genau davon profitieren die Berater. "Mittlerweile wird mit der Zwangslage des Konzerns Geschäft gemacht", sagt ein Justizexperte. Die Kanzleien machten das Damokles-Schwert, das über Siemens
schwebe, größer, als es in Wirklichkeit sei. "Das ist schon eine Amerikanisierung der Verhältnisse, wenn solche Unsummen für Anwälte ausgegeben werden."
Deutlich sinken dürften die Ausgaben wohl erst, wenn Siemens
eine Einigung mit der SEC über einen Vergleich erzielt hat. Danach wird der Konzern möglicherweise für eine Bewährungszeit weiter unter besonderer Beobachtung stehen, der Aufwand wird aber zurückgefahren werden können.
Allerdings gestalten sich die Verhandlungen mit der SEC schwierig. Die ersten Kontakte gab es über die US-Anwälte von Siemens - schon dafür benötigt der Konzern Experten vor Ort. Im vergangenen Dezember reisten Vorstandschef Peter Löscher und der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme dann erstmals zu einem Spitzengespräch nach Washington.
Im Januar verkündete Cromme einen Durchbruch. Die SEC und das Justizministerium hätten "ihr Einverständnis erklärt, in Kürze mit uns Gespräche zu führen mit dem Ziel eines umfassenden und fairen Vergleichs". Die Gespräche könnten hoffentlich noch im Februar beginnen, sagte er auf der Hauptversammlung. Die Aktionäre applaudierten erleichtert.
Jetzt ist aber offenbar Sand ins Getriebe geraten. "Ich gehe davon aus, dass sich die Gespräche mit der SEC über viele Monate hinziehen werden", sagte am Mittwoch Rechtsvorstand Peter Solmssen. In Branchenkreisen wird spekuliert, dass der direkte Draht zwischen Siemens
und der SEC abgerissen sein könnte. Möglicherweise sei die Behörde auch verärgert, dass Cromme zu forsch an die Öffentlichkeit gegangen sei, hieß es. Bei Siemens
will man sich jedenfalls nicht mehr auf Zeitpläne festlegen.
Dass die ganze Affäre solche Ausmaße annimmt, überrascht nicht zuletzt den seit vergangenem Sommer amtierenden Konzernchef Löscher. "Ich hatte dieses Ausmaß und die Breite nicht vor Augen", sagte er am Mittwoch. Einmal pro Woche bekommt der Manager die neuesten Ermittlungsergebnisse vorgelegt.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Skandal im Überblick
15. November 2006
Die Staatsanwaltschaft durchsucht Dutzende Siemens
-Büros. Der Schmiergeldskandal kommt im Bereich Com in Gang. Mehrere Manager wandern in Haft.
12. Dezember 2006
Siemens
muss auf Grund der Korruptionsaffäre seine Bilanz für das Geschäftsjahr 2005/06 korrigieren. Finanzvorstand Joe Kaeser überprüft fragwürdige Zahlungen über 420 Mill. Euro. Konzernchef Kleinfeld kündigt einen rigorosen Kampf gegen illegale Geschäftspraktiken und eine Verschärfung der Kontrollen an.
24. Januar 2007
Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer wird auf der Hauptversammlung von Aktionären scharf angegriffen. Einen Rücktritt lehnt er ab.
14. Februar 2007
Die Staatsanwaltschaft Nürnberg durchsucht Firmenräume in Erlangen, Nürnberg und München wegen eines neuen Schmiergeldverdachts. Dabei geht es um Millionen, die Siemens
an die Gewerkschaft AUB überwiesen haben soll. Deren Chef Wilhelm Schelsky muss hinter Gitter.
19. April 2007
Von Pierer hält dem Druck nicht Stand und gibt seinen Rückzug als Aufsichtsratschef bekannt.
25. April 2007
Konzernchef Klaus Kleinfeld kündigt an, dass er für eine Vertragsverlängerung nicht bereitsteht.
20. Mai 2007
Der neue Aufsichtsratschef Gerhard Comme präsentiert in München Peter Löscher, der Konzernchef werden soll.
1. Juli 2007
Der gebürtige Österreicher Löscher fängt in der Siemens
-Zentrale in München an.
4. Oktober 2007
Siemens
zahlt ein Bußgeld von 201 Mill. Euro.
8. November 2007
Siemens
beziffert die Zahlungen, die in dunkle Kanäle geflossen sind, auf 1,3 Mrd. Euro.
24. Januar 2008
Auf der Hauptversammlung in München verschiebt der Konzern die Entlastung der meisten Vorstände und des ehemaligen Aufsichtsratschefs von Pierer. Nur Löscher wird entlastet.
18. April 2008
Von Pierer sagt nach neuen Vorwürfen auf eigene Initiative bei der Staatsanwaltschaft München aus.
23. April 2008
Medizintechnik-Chef Erich Reinhardt tritt überraschend zurück.

