Ein junger Markt kommt auf Touren – Vorbehalte der Anfangszeit sind in der Praxis ausgeräumt
Telefonieren per Intranet bringt atemberaubendes Wachstum

Für den Elektro-Riesen ist es ein kleiner Happen: Die Siemens AG, München, schickt sich an, das Softwarehaus Cycos AG, Alsdorf bei Aachen, mit rund 140 Mitarbeitern und knapp 15 Mill. Euro Umsatz voll zu übernehmen. Bemerkenswert ist der Vorgang gleichwohl. Denn mit Cycos erwirbt Siemens ansehnliches Know-how im ureigenen Beritt: der Telefonie.

FRANKFURT. Siemens hat ein klares Ziel: „Wir wollen weltweit die Nummer eins in der IP-Telefonie bleiben“, sagt Michael Meyer, Chef der Strategieabteilung im Bereich Unternehmensnetze der Siemens Information and Communication Networks Group. „Der Markt zeigt augenblicklich ein atemberaubendes Wachstum.“

Die Zahlen liefert das amerikanische IT-Marktforschungsinstitut IDC. Nach seinen Schätzungen wird der Weltmarkt der IP-Telefon-Ausrüstung bis 2007 durchschnittlich um 45 % jährlich wachsen und dann gut 15 Mrd. $ (2002: 2,4 Mrd. $) erreichen. Die Umsätze mit Unternehmen sollen allein im Jahr 2003 um 66 % wachsen. In diesem jungen Technik-Feld bringe Cycos beachtliche Expertise mit, so Meyer.

Der Nutzen der IP-Telefonie ( IP für „Internet Protocol“, die Norm für die Datenübertragung im Internet) für den Anwender: Er kann aus dem E-Mail-Programm heraus Gesprächspartner per Mausklick direkt anwählen. Auch hinterlegte Sprach-Nachrichten erscheinen im E-Mail-Verzeichnis und lassen sich per Mausklick und Computer-Lautsprecher abhören.

Möglich wird all das durch die Integration der Sprache in die Datenstruktur des Internet. Sprache wird per Software in Bits und Bytes aufgelöst, in Datenpakete verpackt und über dasselbe Netz geschickt wie alle anderen Daten. Auf der Empfänger-Seite wird sie dann per Software wieder in Sprache verwandelt.Das ist vor allem für Unternehmen interessant. Sie brauchen künftig nur noch ein Netz, ihr Intranet – bisher mussten sie separate Netze für Daten und Telefonie unterhalten.

Die neue Sprachübermittlungs- Technik bringt den Anwendern etliche Vorteile. „Grundsätzlich entfällt schon einmal die Netzverwaltung für das zweite Netz“, erläutert Ralf Holzapfel, Leiter des Produkt-Managements im Bereich Unternehmensnetze der RAG Informatik GmbH, Gelsenkirchen, die ein IP-System im eigenen Konzern installiert hat.

„Die größten Einsparungen ergeben sich bei allen Änderungen wie internen Umzügen, der Aufschaltung neuer Mitarbeiter oder der Einrichtung neuer Bedienmöglichkeiten“, meint Holzapfel, der auf die Technik des Siemens-Konkurrenten Cisco setzt. Denn wie der PC lasse sich auch das IP-Telefon mit seiner Netz-Identifikation ohne weitere Eingriffe in die Hardware an beliebiger Stelle im Netz anschließen. Zudem seien Änderungen der Bedienung und der eingebauten Funktionen per Software leicht zu bewerkstelligen. „Bei traditionellen Telefonanlagen ist meist ein Techniker-Besuch fällig. Und der kostet Geld“, betont Holzapfel.

Nach seinen Erfahrungen bringt die Umstellung auf die IP-Telefonie Einsparungen von im Schnitt 20 % der bisherigen Kosten. Für den Siemens-Strategen Meyer zählen noch andere Vorteile: „Wir setzen stärker auf das Argument, mit integrierten IP-Anwendungen die Geschäftsprozesse und so die Produktivität der Kunden zu verbessern.“

Die neue Technik hat den klassischen Herstellern von Telefonanlagen wie Siemens und Alcatel neue Konkurrenten gebracht. Allen voran hat sich der Internet-Hardware- Riese Cisco ins Getümmel gestürzt. Harald Zapp, deutscher Marketing-Chef von Cisco, freut sich über das neue Geschäftsfeld: „Man muss keine neuen Märkte kreieren und keine neuen Budgets bei den Kunden initiieren – die sind schon da.“ Zapp erwartet im deutschen IP-Telefonie-Markt „deutlich zweistellige“ Wachstumsraten um die 25 Prozent.

Viele Start-Hindernisse seien beseitigt: So habe man die IP-Telefonanlagen inzwischen mit Funktionen wie dem Rückruf oder der Sekretariats-Schaltung versehen, die anfangs fehlten, sagt Zapp. Auch die Qualitäts-Vorbehalte seien kein Thema mehr.

Dennoch, einige Zweifel sind geblieben: „Als die Lösungen für IP-Telefonie noch nicht ganz ausgereift waren, hat man manchmal etwas zu viel versprochen. Daher gibt es noch Vorbehalte bei Unternehmen“, sagt Ralf Kremser, Deutschland-Chef von Avaya. Der Anbieter von IP-Telefonie ist eine Ausgliederung des Telekomnetzausrüsters Lucent. Die Vorbehalte werden laut Kremser jetzt mit steigender Anzahl erfolgreicher IP-Installation ausgeräumt.

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