Der TV-Produktionskonzern will die ARD als Kunden: Endemol will sich damit aus der Abhängigkeit von den privaten TV-Sendern befreien. Doch bei der ARD gibt es offenbar Bedenken, mit den "Big-Brother"-Machern ins Geschäft zu kommen.
CANNES. Der Fernsehproduktionskonzern Endemol will die ARD als Kunden: "Unsere Strategie ist es, künftig für die ARD zu produzieren", sagte Endemol -Deutschlandchef Borris Brandt dem Handelsblatt auf der Film- und Fernsehmesse in Cannes. Bislang ist der "Big-Brother"-Produzent nur mit fünf Formaten (z.B. "Artern - Stadt der Träume") für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) im Geschäft.
Endemol geht nun in die Offensive, um sich aus seiner Abhängigkeit von den Privatsendern zu befreien. "Wir sind in einigen Bereichen bereits im Gespräch mit der ARD", sagte der 47-Jährige, der seit sieben Jahren an der Spitze von Endemol in Deutschland steht. So gebe es bereits einen Vertrag für das Drehbuch einer ARD -Serie. Ob dieser Plan verwirklicht wird, ist noch offen.
Die ARD ist für Endemol eine harte Nuss: "Die Strukturen der ARD sind nicht gerade dafür geschaffen worden, schnelle Entscheidungen zu treffen", kritisiert Brandt. Bei der ARD gibt es offenbar Bedenken, ausgerechnet mit Endemol ins Geschäft zu kommen. Die vom legendären "Big-Brother"-Erfinder John de Mol
gegründete Firma, die längst weltweit ihre Programme exportiert, gilt als Enfant terrible der Branche. Allerdings steht das Erste unter Druck, denn seine neuen Programme kamen bei jüngeren Zuschauern nicht an.
Endemol steht unter Erwartungsdruck. Denn die Eigentümer, der Programmerfinder John de Mol
und der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi wollen nach dem Ausstieg des spanischen Telefonriesen Telefonica
aus dem Unternehmen eine Erfolgsgeschichte schreiben. Berlusconis Medienkonzern Mediaset
hatte im Frühjahr vergangenen Jahres den Bieterkampf um den Fernsehproduktionskonzern für sich entschieden. Mediaset,
de Mol,
die Investmentbank Goldman
Sachs und weitere Partner zahlten für die Übernahme stolze 2,63 Mrd. Euro an Telefónica.![]()
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Geld sitzt lockerer.
Das Motiv für den Strategiewechsel von Endemol liegt auf der Hand. Im Gegensatz zu den sparsamen Privatsendern sitzt das Geld bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten viel lockerer. Schließlich kassieren diese über die Rundfunkgebühren mehr als sieben Mrd. Euro im Jahr. Dazu kommen noch die Werbeeinnahmen.
Um den geplanten Umsatz- und Gewinnsprung zu erreichen, braucht Endemol dringend neue Kunden. Bei den Privaten wie RTL, RTL 2, Sat 1, Pro Sieben
sowie MTV wird angesichts des stagnierenden Werbemarktes jeder Euro zweimal umgedreht. "Der Kostendruck ist extrem hoch", bekennt der gelernte Werbekaufmann Brandt, der zu den dienstältesten Produzenten in Deutschland gehört.
Nach Informationen aus Unternehmenskreisen erzielte Endemol in Deutschland im vergangenen Jahr einen Umsatz von 80 Mill. Euro. "Es gibt noch Luft nach oben", sagt Brandt. "Wir wollen die Erlöse im zweistelligen Prozentbereich steigern." Offenbar plant der Konzern, die Umsatzgrenze von 100 Mill. Euro zu überspringen. Auch die bisherige Rendite im unteren zweistelligen Bereich soll deutlich steigen. Endemol gibt traditionell für Deutschland keine Zahlen bekannt. In der Branche gilt nach Angaben von Kennern eine Umsatzrendite von 13 Prozent als üblich.
Den Markt unter den Fernsehproduzenten in Europa führt derzeit Fremantle Media an, die zur RTL Group,
Europas größtem Fernsehkonzern, gehört. Die RTL Group
plant schon seit längerem den Ausbau ihres internationalen Produktionsgeschäfts. "Weltweit setzen sich neue Fernsehformate immer schneller durch. Daran wollen wir künftig stärker teilhaben", kündigte Vorstandschef Gerhard Zeiler bereits im vergangenen Jahr an. So hat die Fernsehtochter des Medienkonzerns Bertelsmann insbesondere ihr Engagement in Asien ausgebaut.
Innerhalb von drei bis fünf Jahren wolle er das Geschäft verdoppeln, sagt Zeiler, der hierfür auch Zukäufe von Filmfirmen nicht ausschließt - wenn das Preisniveau wieder stimme. In Deutschland ist dies offenbar nicht der Fall: "Die Preise sind einfach zu hoch", sagte ein Produzent in Cannes.

