Der Deutschen Telekom treibt sie die Sorgenfalten auf die Stirne, die Konkurrenten lässt sie frohlocken: die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes. Sie ist am 1. Januar 2008 zehn Jahre alt geworden. Damals bliesen erstmals Herausforderer zum Angriff auf den Platzhirsch Deutsche Telekom - und das auch mit Erfolg.
DÜSSELDORF. Die Preise sind seitdem drastisch gesunken und auf dem einstigen Monopolmarkt tummeln sich heute 2 300 Wettbewerber. "Wir haben viel mehr geschafft, als wir uns damals haben träumen lassen", sagt Jürgen Grützner, Chef des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), in dem sich die Telekom
-Konkurrenten
zusammengeschlossen haben. "Vor der Deregulierung haben wir mit acht oder zehn Wettbewerbern gerechnet", erzählt er.
Möglich wurde dieser rasche Wandel durch eine beherzte Liberalisierung. Die deutschen Aufseher sorgten 1998 dafür, dass Telekom
-Herausforderer
nicht viel Kapital benötigten, um den Kampf gegen den übermächtigen Goliath aufzunehmen. Der Regulierer verdonnerte die Telekom,
ihr Netz so genannten "Call-by-Call"-Anbietern zur Verfügung stellen. Wer sich für die neuen Anbieter entschied, musste nur eine Vorwahl (etwa 01019) vor der eigentlichen Telefonnummer eingeben und telefonierte mit der neuen Konkurrenz. Die Folge von solch niedrigen Markteintrittsbarrieren: die Konkurrenten schossen wie Pilze aus dem Boden und die Telefontarife purzelten.
Infografik: Telekom-Wettbewerber holen auf.
In keiner anderen Branche sind die Preise nach der Liberalisierung so stark gesunken wie in der Telekommunikation. Kostete ein Gespräch in die USA im Jahr 1997 umgerechnet noch 74 Cent pro Minute, so ist es heute bereits für weniger als zwei Cent zu haben. Selbst auf dem noch wachsenden Markt für DSL-Anschlüsse herrscht ein gnadenloser Preiskampf: Verbraucher bekommen heute ein Paket für Telefongespräche, DSL-Nutzung und Internet-Fernsehen für 30 Euro monatlich. Das ist nach Ansicht von Experten eine Marke, die Anbieter nicht unterschreiten können, wenn sie rote Zahlen vermeiden wollen.
"Der Preisverfall für Festnetztelefonate ist eklatant", sagt Thorsten Gerpott, Professor für Telekommunikation an der Universität Duisburg. "In einem Monopol hätte es den ebenso wenig gegeben wie die schnelle Verbreitung von DSL-Anschlüssen." Die Hälfte der Deutschen verfügt heute über die schnellen Leitungen in das World Wide Web.
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lässt ordentlich Federn.
Diese Entwicklung muss zu Lasten des einstigen Monopolisten gehen. So lässt die Telekom
vor allem in der jüngsten Zeit ordentlich Federn: Über zwei Millionen Festnetzkunden wechselten im vergangenen Jahr zur Konkurrenz, in den kommenden Jahren dürften es nicht wesentlich weniger sein. Das ist regulatorisch gewollt, schließlich beherrscht der einstige Staatskonzern immer noch knapp 80 Prozent der Telefonanschlüsse. Doch die klassische Festnetztelefonie ist ohnehin ein Auslaufmodell. Die Zukunft gehört den DSL-Verbindungen. Und da sind die Wettbewerber gut unterwegs - auf die Telekom
entfielen im Herbst 2007 noch 48 Prozent der DSL-Anschlusse.
Während die Wettbewerber jubeln, leckt die Deutsche Telekom
ihre Wunden und fordert ein Ende der staatlichen Aufsicht. "Regulierung war ursprünglich einmal als ein befristetes Vorhaben vorgesehen", sagt ein Sprecher. "Trotz massiven Wettbewerbs und dramatischen Preisverfalls will die EU-Kommission aber mehr statt weniger Regulierung."
Infografik: Investitionen in Sachanlagen/Umsatzerlöse.
An der Misere der Telekom
ist aber nicht nur die Liberalisierung schuld. Dem Konzern fehlte nach Meinung von Beobachtern lange Zeit ein schlüssiges Konzept, um auf den Wettbewerb zu reagieren. So bietet das Bonner Unternehmen erst seit Herbst 2006 Komplettpakete aus Telefon, Internet und Fernsehen an, während die Wettbewerber wesentlich früher damit am Markt waren und ihr Kunden abluchsten.
Doch der Wandel hat auch der Telekom
gut getan: Der politische Einfluss ist gesunken, der Bund hält an dem einstigen Staatsunternehmen inzwischen nur mehr 32 Prozent. Über die Hälfte des Umsatzes erzielt der Konzern heute im Ausland. Der rosa Riese hat sich zudem extrem verschlankt und pro Jahr 10 000 Stellen abgebaut. Die Anzahl der Arbeitsplätze in der Branche ist dennoch nahezu konstant geblieben. Auch das ist angesichts des drastischen Preisverfalls und der starken technologischen Wandels ein Erfolg der Deregulierung.
Die Stunde null des Telekommarktes
Aufbruch
Der 1. Januar 1998 war die Stunde null des Telekommunikationsmarktes. Die Deutsche Telekom
unter der Führung ihres damaligen Vorstandschefs Ron Sommer verlor ihr jahrzehntealtes Monopol. Für wechselwillige Kunden war es damals aber gar nicht einfach, zu den neuen Telekom
-Wettbewerbern
zu wechseln. Bei Herausforderer wie Mobilcom ertönte im Anfangsjahr noch oft das "Besetzt"- Zeichen.
Zehn Jahre nach der Liberalisierung fordert die Deutsche Telekom
eine Wende. Der Konzern verlangt, die Liberalisierung zurückzuschrauben, um gefährdete Arbeitsplätze zu sichern. Die Wettbewerber haben dafür Verständnis. Denn sie allein haben in den letzten zehn Jahren 50 000 neue Stellen geschaffen.

