Ergo-Affäre
„Das ist keine Kampagne, das ist Aufklärung“

Nach dem Sex-Skandal versprach Ergo Transparenz. Doch gegen die Berichterstattung des Handelsblatts geht der Versicherer juristisch vor. Der Schuss geht nach hinten los und heizt die Debatte in den Medien nur weiter an.
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DüsseldorfVersicherer Ergo hat Mitarbeiter mit Lustreisen belohnt. Als das Handelsblatt im vergangenen Jahr den Skandal aufdeckte, tat Ergo den feucht-fröhlichen Kurztrip nach Budapest als Ausnahme ab – und versprach Transparenz. Doch angesichts des juristischen Vorgehens gegen das Handelsblatt entpuppt sich die selbstverordnete Klartext-Initiative als unglaubwürdige Image-Kampagne.

Das Handelsblatt hat jüngst weitere Lustreisen aufgedeckt – dieses Mal nach Mallorca und in ein Swinger-Hotel auf Jamaica – und belegt die Berichterstattung mit internen Revisionsberichten der Ergo, die der Redaktion zugespielt wurden. Die Berichte stellte das Handelsblatt auf der noch jungen iPad-App „Handelsblatt Morning Briefing“ zum Download zur Verfügung. „Wir machen Berichterstattung, aber wir wollen den Lesern und Leserin auch zeigen, dass sie sich selbst ein Urteil bilden können“ erklärt Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart den Schritt im Interview mit dem NDR-Medienmagazin Zapp. „Ich glaube, dass das einen Mehrwert hat, wenn man selbst Originaldokumente durchstöbern kann.“

Doch genau das will Ergo verhindern und bemüht dafür das Urheberrecht. Durch eine einstweilige Verfügung musste das Handelsblatt einen Revisionsbericht zu der Budapest-Reise aus dem Netz nehmen.

„Die Ergo möchte gerne, dass diese Diskussion beendet wird“, sieht Chefredakteur Steingart die Motivation des Versicherers. „Ich glaube, auf diese Art lässt sie sich nicht beenden, weil man einen Nebenkriegsschauplatz, nämlich einen juristischen mit den Medien eröffnet, der unnötig gewesen wäre.“

In der Tat, denn die Berichterstattung in den Medien wurde nur weiter angeheizt: Zapp berichtet ausführlich über das Vorgehen der Ergo und bewertet den Schritt als „eine Instrumentalisierung des Urheberrechts mit unerwünschten Folgen“. „Bitte keinen Sex-Skandal, wir sind Ergo“, titelt der Stern.

In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung versucht ein Ergo-Sprecher, die einstweilige Verfügung herunterzuspielen: „Wir gehen nicht gegen die Berichterstattung vor, wir gehen gegen die Bereitstellung des Downloads vor.“ Doch das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit sei in diesem Fall wichtiger als urheberrechtliche Ansprüche, so die Argumentation des Handelsblattes.

„Das ist keine Kampagne, das ist Aufklärung“, stellt Steingart im Zapp-Interview klar. „Investigativer Journalismus funktioniert genau so. Wir wollen Aufklärung, bis wirklich alles dazu gesagt ist. Insofern wird diese Art der Berichterstattung auch weitergehen müssen.“

Caroline Lindekamp
Caroline Lindekamp
Handelsblatt / Freie Journalistin

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  • Durch eine einstweilige Verfügung musste das Handelsblatt einen Revisionsbericht zu der Budapest-Reise aus dem Netz nehmen.

    ERGO : Handelsblatt
    1 : 0

    (...)Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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