Eröffnung der CeBIT
Merkel lobt Türkei - trotz Erdogans Rede

Der türkische Premier Erdogan will weiter Investoren ins Land holen - mit seiner Rede hat er sich in Deutschland etwas unbeliebter gemacht. Der IT-Branche ist das egal - sie erwartet neue Umsatzschübe von der CeBIT.
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HannoverStartschuss für die CeBIT 2011: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan haben am Montagabend die weltgrößte Computermesse in Hannover eröffnet.

Die Türkei ist in diesem Jahr CeBIT-Partnerland. „Es gibt eine unglaublich dynamische Entwicklung“, sagte Merkel im Kongresszentrum der niedersächsischen Landeshauptstadt. Die Türkei sei daher ein „Partnerland par excellence“ lobte Merkel.
Erdogan betonte, sein Land habe weiterhin ein großes Interesse daran, neue Investoren ins Land zu holen. Die Anteile der IT- Wirtschaft an der gesamten Wirtschaftsleistung und am Export seien zuletzt deutlich gewachsen. Der Branche komme außerdem eine wichtige Aufgabe bei der weiteren Annäherung der Türkei an die Europäische Union zu.

Genau über die hatte Erdogan bei seiner Rede in Düsseldorf am Sonntag gesprochen. Erdogan hat wieder heftige Reaktionen ausgelöst mit seinem Aufruf, Kinder seiner Landsleute in Deutschland sollten zuerst Türkisch lernen. Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dies nicht so kritisch sieht, sind ihre Partei und FDP-Chef Guido Westerwelle empört. Merkel sagte am Abend am Rande der Eröffnung der CeBIT in Hannover, die deutsche Sprache sei weiterhin unerlässlich für eine erfolgreiche Integration der türkischen Gemeinde in Deutschland. Es sei wichtig, dass auch Deutsch frühzeitig gelernt werde.

Mit dem Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament, Martin Schulz, kritisierte erstmals auch ein ranghoher SPD-Politiker den türkischen Regierungschef für dessen Äußerungen zur Integration. „Was Erdogan macht, hat wenig mit Integration in Deutschland zu tun, aber viel mit Propaganda in der innentürkischen Debatte“, sagte Schulz dem „Hamburger Abendblatt“ (Dienstagausgabe) laut Vorabbericht.

Erdogans Auftritt in Düsseldorf sei „unangemessen“ gewesen. Es könne nicht sein, dass Erdogan Wahlkampf in Deutschland betreibe, betonte SPD-Vorstandsmitglied Schulz. „Für einen EU-Beitritt der Türkei ist Erdogans Politik sicherlich kontraproduktiv“, sagte der Europa-Politiker. Auch Schulz stellte sich gegen die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten, dass die Kinder türkischer Migranten in Deutschland zuerst die türkische und dann erst die deutsche Sprache lernen sollten. „Wer türkischen Kindern nicht empfiehlt, in dem Land heimisch zu werden, in dem sie leben, schadet ihnen“, sagte Schulz.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, distanzierte sich ebenfalls von Erdogan. „Ich finde es nicht glücklich und nicht richtig, dass Erdogan auf diese Weise Wahlkampf macht“, sagte Kolat der „Bild“-Zeitung. Integrationsfragen würden in Deutschland mit den hier lebenden Türken entschieden und nicht in der Türkei.

Erdogan hatte seine Landsleute am Sonntagabend bei einem Auftritt in Düsseldorf auch zur Integration aufgerufen, sich aber erneut gegen eine kulturelle Verschmelzung („Assimilation“) gewandt. „Niemand wird in der Lage sein, uns von unserer Kultur loszureißen“, sagte Erdogan.

Die deutsche IT-Wirtschaft erwartet Umsatzschub

Trotz der politischen Auseinandersetzungen herrscht auf dem Messegelände in Hannover Optimismus zum CeBIT-Start: Mobile Datendienste, Tablet-Computer und der große Trend Cloud Computing sollen der deutschen IT-Wirtschaft in diesem Jahr einen Schub geben. Zum Auftakt der weltgrößten Computermesse zeigte sich der Branchenverband Bitkom zuversichtlich, das Geschäft mit Informationstechnik, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik 2011 noch einmal um zwei Prozent ausbauen zu können.

Die Unternehmen werden voraussichtlich 145,5 Milliarden Euro umsetzen, sagte Bitkom-Chef August-Wilhelm Scheer am Montag in Hannover. Rund 10 000 neue Stellen könnten entstehen. Zugleich verschärfe sich jedoch der Fachkräftemangel.  Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte am Montagabend, die wachsende Bedeutung der Internet-Industrie habe sich in den vergangenen Wochen auch durch die Rolle sozialer Netzwerke bei den Umwälzungen in Nordafrika gezeigt.

Zu den Schwerpunkten der bis Samstag dauernden Messe gehört das Cloud Computing, also die Verlagerung von IT-Leistungen aus den Rechenzentren der Unternehmen ins Internet. Hier erwartet der Verband 2011 in Deutschland ein Umsatzwachstum um 55 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Bis 2015 sollen es schon 13 Milliarden Euro sein. Nach plus zwei Prozent im vergangenen Jahr dürfte der deutsche Hightech-Markt abermals in dieser Größenordnung zulegen - ebenso wie 2012 auf dann 148 Milliarden Euro.

Hoffnungsträger seien vor allem kleine mobile Rechner, meinte Scheer. So werde sich der Absatz von Tablet-Computern in Deutschland 2011 auf 1,5 Millionen Geräte verdoppeln. „Die Hardware explodiert“, sagte der Bitkom-Präsident.  Allein in der Sparte Informationstechnik wird in diesem Jahr in Deutschland ein Plus von 4,3 Prozent erwartet, wobei die stärksten Impulse mit 6 Prozent von der Hardware ausgehen.

Bei der Software rechnet der Verband mit etwas geringeren Zuwächsen von 4,5 Prozent, bei Dienstleistungen seien 3,5 Prozent möglich. Scheer wünscht sich eine deutsche Software-Initiative, „damit wir in der Welt nicht nur Konsument sind, sondern die Märkte mitgestalten können“.  

In der Telekommunikation sind hingegen keine Umsatzsteigerungen mehr zu holen - hier rechnet der Verband angesichts sinkender Preise nur mit 0,3 Prozent Wachstum. Gegen den Trend stemmt sich allein der Verkauf von Handys: Getrieben durch die boomende Nachfrage nach Smartphones mit zahlreichen Computerfunktionen soll der Absatz um 5 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro steigen.

Die Telekom will in diesem Jahr in zehn Städten superschnelle Glasfaser-Leitungen starten und Köln komplett mit dem neuen Mobilfunk-Datenstandard LTE abdecken. Vodafone will LTE-Netze in Berlin, Hamburg und Bremen schalten. Als Wachstumsbremse empfinden viele Unternehmen den Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern. „Die Auftragsbücher sind voll. Aber wir brauchen auch die Arbeitskräfte, um diese Aufträge abzuarbeiten“, meinte Bitkom-Präsident Scheer.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Merkel fällt also Ihrem Fize dem Westerwelle in den Rücken.
    Westerwelle sollte kontern und die Kalition kündigen, das würde der FDP viele Stimmen bringen, vorallem bei den nächsten Landtagswahlen und später auch und die Merkel wäre an der Wand wo diese Dame hingeört

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