Erste Ausgabe mit Merkel-Titel

„Charlie Hebdo“ macht jetzt Satire auf Deutsch

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„Die Wirklichkeit ist unerträglich“

Als „Charlie“ im September 2015 zahlreiche Karikaturen von dem ertrunkenen Flüchtlingskind Aylan druckte, riss vielen Franzosen der Geduldsfaden: Sie kritisierten die Zeichnungen als geschmacklos und entwürdigend.

Die Redaktion rechtfertigte sich mit ihrem bekannten Credo: Nicht ihre Beiträge seien unerträglich, sondern die Wirklichkeit. Die Auflage, nach dem Attentat auf mehr als 200.000 gestiegen, ist mittlerweile wieder weitaus niedriger. Offiziell wird von 60.000 Exemplaren für den Kiosk und 50.000 Abos gesprochen.

Chefredakteur Gérard Biard und Zeichner Riss waren mehrfach in Deutschland eingeladen, haben diskutiert und Ausstellungen eröffnet und den Eindruck mitgenommen, dass bei uns das Interesse an „Charlie“ besonders groß ist. „Von der ‚grünen Ausgabe‘ (nach dem Anschlag gedruckt, mit einem weinenden Propheten Mohamed) wurden in Deutschland 70.000 Exemplare verkauft, von der Nummer zum Jahrestag des Anschlages 50.000“, sagt die Sprecherin. Und sie zitiert Riss: „Man muss kein Franzose sein, um die französischen ‚dessins de presse‘ zu verstehen.“ Damit sind die Karikaturen gemeint, die manche französische Zeitung füllen. Wir kennen sie auch, genießen sie aber in kleinerer Dosierung.

In Frankreich sind Pressezeichnungen ein eigenes Genre. „Charlie Hebdo“ veröffentlicht ganze Strecken mit Zeichnungen, auch bei der satirischen Wochenzeitung „Canard Enchainé“ sind sie ein wichtiges Element, das Nachrichten und Kommentare ergänzt.

In Deutschland, wo in den Redaktionen zwar viel über „zweite Ebenen“ oder zusätzliche Elemente, die Leser in Texte reinziehen sollen, philosophiert wird, glauben wir nicht an die Kraft der Zeichnung. Vielleicht zu Unrecht, denn es gibt in Deutschland ausgezeichnete und feinsinnige Pressezeichner, das Handelsblatt profitiert von ihnen.

Das deutsche „Charlie Hebdo“ wird in Paris erstellt. Es gibt eine zwölfköpfige deutsche Mannschaft, die von der deutschen Journalistin Minka Schneider – ein Pseudonym – geleitet wird. Außer ihr handelt es sich dabei ausschließlich um Übersetzer und Korrektoren. Originäre deutsche Inhalte gibt es noch nicht, bislang wird alles vom französischen Mutterblatt übernommen und übersetzt.

In Zukunft wird sich das vielleicht ändern, alles hängt vom Erfolg ab, den das deutsche Karlchen haben wird. Eine feste Zahl haben die Eigner nicht im Auge, doch das deutsche Produkt soll sich nach einer Weile selber tragen.

Es wird ein spannendes Experiment: Wenn Humor nicht mehr im französischen Kleid daherkommt, versteht man ihn dann besser? Oder verliert er seinen Reiz? Marktstudien hat „Charlie“ jedenfalls vor dem Start nicht angestellt, versichert die Sprecherin: „Das machen die nicht, die stürzen sich einfach da rein.“

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5 Kommentare zu "Erste Ausgabe mit Merkel-Titel: „Charlie Hebdo“ macht jetzt Satire auf Deutsch"

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  • Man hat heute nicht mehr den Nerv seine Zeit mit so einem Gutmenschenkomik zu vergeuden.

  • Die GROKO selbst ist doch Satire genug!!

  • Merkel hätte zurücktreten sollen....es wird in Zukunft von allen Seiten auf Merkel und ihrer unfähigen Regierungspolitik an negativen Ereignissen nur so einprasseln. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.
     

  • Es ist unwahrscheinlich dass diese Satirezeitung in Deutschland Erfolg hat.

    Französische Inhalte dürften es aufgrund der gänzlich anderen Lebensart schwer haben. Bei den deutschen Inhalten stellt sich die Frage inwieweit dieses Magazin bereit ist das aktuelle Regime zu kritisieren.

    Auf Kritik reagieren Merkel, Maas und Genossen sehr empfindlich und es besteht dann die Gefahr dass das Magazin für "rechtsradikal" erklärt wird. Dann werden sich Werbekunden zurückziehen, die Staatsanwälte dieses mit Prozessen überziehen und das Magazin wird "abgehängt". Wenn Sie zu regimenahe agieren dann holt dieses niemanden hinter dem Ofen vor. Insofern ist ein solches Magazin ein Balanceakt.

  • Das hat uns in D gerade noch gefehlt.

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