Essener Medienkonzern will sich gegen den Umbruch im deutschen Zeitungsmarkt wappnen – Milliardenerlös erwartet
WAZ liebäugelt mit Ausstieg beim Otto-Versand

Die Eigentümer des Essener Zeitungskonzerns WAZ wollen sich offenbar von ihren milliardenschweren Beteiligung am Hamburger Versandhaus Otto trennen. Mit dem Erlös will sich das Printhaus unter anderem gegen einen Angriff der skandinavischen Metro-Gruppe wappnen, die seit längerem mit einer Gratiszeitung auf den deutschen Markt will, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der beiden Unternehmen.

HB HAMBURG. Branchenkenner schätzen, dass die WAZ-Eigner durch einen Verkauf ihrer Otto-Beteiligung einen Erlös von deutlich mehr als einer Mrd. Euro erzielen würden. Finanzieren könnte Konzernchef Michael Otto den Erwerb des WAZ-Anteils durch Verkäufe, heißt es. So stehen seit längerem schon die millionenschweren Beteiligungen an den Cash & Carry-Märkten Fegro/Selgros sowie dem Computerhändler Actebis zur Disposition. Die Otto-Gruppe hatte im vergangenen Geschäftsjahr 2004/05 rund 14,4 Mrd. Euro umgesetzt.

Die WAZ-Eigner, die Familien Brost und Funke, sind mit jeweils 12,5 Prozent an dem Otto-Konzern beteiligt. Sie waren in den 60er Jahren bei dem Versandriesen eingestiegen. Strategisch geführt wird die Otto-Beteiligung von dem früheren WAZ-Geschäftsführer Günther Grothkamp. Er ist über die Funke-Gruppe indirekt Anteilseigner bei dem Medienkonzern. Zu dem Zeitungsriesen gehören WAZ, Neue Rhein/Ruhr-Zeitung, Westfalenpost und Westfälische Rundschau. Der Verlag setzt jährlich mehr als zwei Mrd. Euro um. Der WAZ-Chef Bodo Hombach baut seit längerem den Konzern um und konzentriert sich dabei vor allem auf das Zeitungsgeschäft. So verkaufte er im Juli die 7,5 prozentige Beteiligung an dem Fernsehsender RTL an den Gütersloher Mehrheitseigner Bertelsmann. Der Erlös belief sich auf über 550 Mill. Euro.

Mit dem Verkauf der Otto-Beteiligung würden die WAZ-Eigner über ein großes finanzielles Polster verfügen, um sich bei einem Umbruch auf dem deutschen Zeitungsmarkt neben Gratiszeitungen behaupten zu können. Auch andere Zeitungskonzerne wie Schibsted aus Oslo, die Kölner DuMont Schauberg oder der Berliner Axel Springer Verlag (Bild, Welt, Hörzu) stehen bereits in den Startlöchern, um den Angriff der Skandinavier abzuwehren. Springer-Chef Mathias Döpfner hatte bereits mehrfach betont, dass der Printkonzern eine eigene Gratiszeitung herausgeben werde, wenn ein Wettbewerber mit einem ähnlichen Vorhaben auf den deutschen Markt tritt.

Sollte dies geschehen, würde der Zeitungsmarkt noch stärker unter Druck geraten. Er hatte 2004 bei den Auflagen und den Anzeigenerlösen nur ein leichtes Plus von rund einem Prozent verzeichnet. Dies dürfte sich auch 2005 kaum ändern. „Es gibt keine Anzeichen für einen durchschlagenden Aufschwung bei Tageszeitungen“, sagte eine Sprecherin des Verbands der deutschen Zeitungsverleger (VDZ).

Viele Tageszeitungen dürften durch die kostenlosen Blätter in Schwierigkeiten geraten. „Gratiszeitungen gehen vor allem zu Lasten von Kaufzeitungen“, sagte ein Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Werbewirtschaft (ZAW). Die Verlage müssten deshalb verstärkt investieren, um den Leser an die Zeitungen zu binden. Andererseits könnten die Verlage durch Gratisblätter aber auch neue Leserschichten erreichen. Sie hätten beispielsweise die Chance, junge Leser zu gewinnen, die bislang überhaupt keine Tageszeitung gekauft haben.

Ein WAZ-Sprecher wollte sich zu dem möglichen Ausstieg bei Otto nicht äußern, weil „die Otto-Beteiligung außerhalb des WAZ-Konzerns“ liegt. Ein Sprecher des Otto-Versands erklärte gegenüber dem Handelsblatt, dass Michael Otto den Anteil der WAZ übernehmen würde, allerdings nur zu einem akzeptablen Preis. Verhandlungen würde es derzeit aber nicht geben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%