EU-Kommissarin im Interview
„Wir müssen die Bedrohungen kennen“

Sie gehört zu den Mächtigen in Brüssel: Neelie Kroes, 71, ist EU-Kommissarin für die Digitale Agenda. Im Interview mit dem Handelsblatt fordert sie ein Meldesystem für Cyberangriffe und erzählt, warum sie Skype liebt.
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Frau Kroes, warum ist IT-Sicherheit ein so wichtiges Thema für die EU?
Jeder Europäer sollte online sein, so wie wir früher das Ziel hatten, dass jeder lesen und schreiben kann. In Italien haben 40 Prozent der Bevölkerung noch nie eine Website besucht. Sicherheit spielt eine wichtige Rolle: Ohne Vertrauen ins Internet gehen die Menschen nicht ins Netz. Deswegen habe ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen Cecilia Malmström und Catherine Ashton eine neue Direktive zur Cyber-Sicherheit vorgeschlagen.

Nach den ganzen Hackerangriffen zuletzt sicher eine gute Idee. Aber was wollen Sie konkret tun?

Die Unternehmen müssen Vorfälle den nationalen Behörden melden – das muss nicht über die EU laufen, ich will nicht zu viel in Brüssel bündeln. Außerdem brauchen die Mitgliedstaaten CERTs, also Expertenteams für die Computersicherheit. Die europäische Dachorganisation Enisa kann ihnen beim Aufbau helfen. Einige Länder wie Deutschland haben bereits gute Organisationen eingerichtet, aber wir sind in der EU 27 Mitglieder. Die Angreifer suchen sich die schwächste Stelle.

Der deutsche ITK-Branchenverband Bitkom findet ein Meldesystem zu bürokratisch...

Ich bin gegen Bürokratie, wenn sie nicht sinnvoll ist. Aber man sollte das Wort nicht nur benutzen, weil etwas nicht zur eigenen Einstellung passt. Wie sollen wir lernen, wenn wir nicht von Cyber-Angriffen wissen? Es geht nicht um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die nationalen Behörden müssen wissen, welche Bedrohungen es gib. Die Unternehmen schreiben ohnehin interne Berichte, es ist also nicht viel Zusatzarbeit.

Sind wir in einem Cyber-Krieg?

Es bleibt Ihnen überlassen, welchen Begriff Sie nutzen. Eines ist sicher: Es gibt grenzüberschreitende Angriffe und Störungen, teils von Regierungen aus dem Fernen Osten beeinflusst.

Also sind Cloud-Dienste aus dem Internet nicht mehr sicher?

Für mich ist die Cloud ein Tresor, zu dem ich den Schlüssel habe. Wenn ich nicht vorsichtig bin und den Schlüssel in der Tür steckenlasse, sollte ich nicht überrascht sein, wenn jemand anders eindringt. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen ist die Cloud großartig: Sie müssen keine teuren Investitionen machen und können die Dienste nach Bedarf nutzen.

Sie sind bei Twitter aktiv. Was mögen Sie daran?

Es bietet eine großartige Gelegenheit, um mit Einzeilern zu debattieren. Wenn ich meinem Nachbarn nicht erklären kann, was ich tue, ist etwas falsch im Staate. Für einen Politiker ist Kommunikation sehr wichtig. Ich mag auch Facebook. Und ich liebe es, mit meiner Enkelin zu skypen. Sie ist fünf und lebt an der Westküste der USA. Das ist die Veränderung, die all diese Medien mit sich bringen: Man bleibt in Kontakt mit den anderen Generationen.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

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