Europas größter Medienkonzern kommt mit neuen Geschäften nur langsam voran
Bertelsmann verspricht mehr Wachstum

Der Medienriese Bertelsmann will sein Wachstumstempo forcieren. Der Konzern erwartet durch Zukäufe einen Umsatzschub von 600 bis 700 Millionen Euro. Das prognostizierte Vorstandschef Gunter Thielen gestern in Berlin.

BERLIN/HAMBURG. „Wir haben schon 2004 Gas gegeben. Jetzt schalten wir einen Gang höher“, versprach er. Das Wachstum soll aus dem Fernsehmarkt sowie aus der Entwicklung neuer Geschäftsfelder wie Datenmanagement und einer eigenen Mobilfunkmarke kommen.

„Wir prüfen den Einstieg“, bestätigte Hartmut Ostrowski, Chef des Bertelsmann-Mediendienstleisters Arvato. Hohe Erwartungen hat der Konzern auch an den künftigen Tiefdruck-Konzern, der zusammen mit dem Zeitungsriesen Springer gebildet werden soll, und an die Übernahme der Stuttgarter Motor-Presse („Auto, Motor und Sport“) durch die Konzerntochter Gruner + Jahr (G+J).

Bertelsmann wollte am Donnerstag keine Prognose für das laufende Jahr abgeben. Thielen sagte nur: „Wir gehen von einer weiteren Umsatz- und Ergebnissteigerung aus.“ Er ließ allerdings offen, ob die angestrebte Umsatzrendite von zehn Prozent in diesem Jahr erreicht werden kann.

Der deutsche Werbemarkt ist weiterhin schwach. „Wir erwarten ein Wachstum von ein bis zwei Prozent in diesem Jahr“, sagt Volker Nickel, Geschäftsführer des Werbeverbandes ZAW. „Die Wende in Europa entwickelt sich nur zäh“, resümiert Nickel.

Beim Erschließen neuer Geschäftsfelder kam die Bertelsmann AG bisher nur langsam voran. Die von Thielen bereitgestellte Summe von 1 Mrd. Euro pro Jahr wurde nicht ausgegeben. Vor allem die Ertragsperle RTL Group hatte nur geringen Finanzbedarf. „Ins Fernsehen ist fast nichts geflossen“, sagte Finanzvorstand Siegfried Luther. Ein Einstieg in den tschechischen TV-Markt misslang, und eine TV-Beteiligung in Portugal kostete nach Branchenangaben nur einen niedrigen zweistelligen Millionen-Betrag.

Im vergangenen Jahr litt Bertelsmann nicht nur unter dem ungünstigen Dollarkurs, sondern auch unter einem schwachen Wachstum. Im vierten Quartal stagnierten die Erlöse bei 5,06 Mrd. Euro. Im Gesamtjahr stieg der Umsatz des größten Medienkonzerns Europas um magere 1,3 Prozent auf 17 Mrd. Euro.

Das lag nicht zuletzt an der mit dem Entertainmentriesen Sony fusionierten Musiktochter BMG, dem Zeitschriftenhaus G+J und der Clubtochter Direct Group. Das operative Ergebnis hingegen steigerte Bertelsmann deutlich. Vor allem RTL und Arvato trugen zum Anstieg des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen (operatives Ebit) auf 1,429 Mrd. Euro (Vorjahr 1,114 Mrd.) bei. Allerdings musste Bertelsmann im vierten Quartal deutlich Federn lassen. Das Betriebsergebnis sank um mehr als fünf Prozent auf 617 Mill. Euro. Für 2004 hatten zuletzt auch kleinere Konkurrenten Rekordergebnisse vorgelegt. Beispielsweise der Printkonzern Axel Springer oder der Münchener Zeitschriftenriese Burda.

Zum Anstieg des operativen Ergebnisses trugen alle Konzerntöchter mit Ausnahme von G+J bei. „Unser Haus hat ein schwieriges Jahr hinter sich“, sagte G+J-Chef Bernd Kundrun. Finanzvorstand Luther begründete den Gewinnrückgang mit den hohen Anlaufverlusten bei zwei neuen TV-Zeitschriften in Frankreich. Angesichts des enttäuschenden Ergebnisses will Kundrun die Kosten deutlich kappen – um 20 Mill. Euro in den kommenden zwei Jahren. Gruner stellt heute in Hamburg seine Jahresbilanz vor.

Auslöser des Sparkurses bei Europas größtem Zeitschriftenkonzern sind vor allem das rückläufige Anzeigengeschäft und fehlende Innovationen im Inland sowie die schleppende Sanierung des amerikanischen Geschäfts. In den USA haben erst vor kurzem neue Schlagzeilen über manipulierte Auflagenzahlen die Werbekunden verstimmt. Sie erhielten rund zehn Mill. Dollar zurück, weil bei mehreren G+J-Titeln Abonnements fälschlicherweise als voll bezahlte Einzelabos gemeldet worden waren. Betroffen waren hiervon unter anderem die Zeitschriften „Parents“ und „Child“. Spekulationen, dass sich Gruner aus den USA zurückziehen will, wies ein Verlagssprecher zurück. Kundrun unterstrich gestern, dass sich das US-Zeitschriftengeschäft nicht in der Verlustzone befinde.

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