Fernsehbranche
Britischer Sender ITV steht ohne Führung da

Dem britischen Fernsehsender ITV ist über das Wochenende nicht nur der fast schon sicher geglaubte neue Vorstandschef abhanden gekommen, auch der Chairman will das angeschlagene Unternehmen so schnell wie möglich verlassen. ITV ist nicht der einzige Privatsender, dem es schlecht geht. Die Wirtschaftskrise bedroht die Existenz vieler Anbieter.

LONDON. Die tiefe Führungs- und Strategiekrise des größten werbefinanierten Senders im Königreich ist symptomatisch für die existenzbedrohende Misere, in die die Weltwirtschaftskrise die gesamte Branche gestürzt hat.

ITV sucht seit sechs Monaten nach einem neuen Chef, vor zwei Wochen hatte sich das Board für den TV-Veteranen Tony Ball entschieden. Doch am vergangenen Freitag platzten die Gespräche vor allem aus finanziellen Gründen. Nach Informationen britischer Medien forderte Ball ein Gehaltspaket im Wert von 42 Mio. Pfund, ITV war aber nur zur Zahlung von 25 Mio. Pfund bereit. Der 52-jährige Ball war von 1999 bis 2003 Vorstandschef des erfolgreichen Pay-TV-Senders BSkyB, bevor er dort von James Murdoch abgelöst wurde.

Die Führungskrise begann im vergangenen April, als das ITV-Board nach drastischen Verlusten personelle Konsequenzen zog. Der bisherige Vorstandschef Michael Grade sollte zurücktreten und spätestens bis Ende des Jahres auf den Posten des Chairman wechseln. Doch seit dem Wochenende ist klar, dass Grade das Unternehmen ganz verlassen wird. Damit fehlt ITV nicht nur ein Vorstandschef sondern auch ein Chefkontrolleur. Der 66 Jahre alte Grade gilt als einer der erfahrensten britischen Fernsehmanager und war vor seinem Wechsel Verwaltungsratschef der BBC. Bei der damals bereits kriselnden Sendergruppe ITV trat er Ende 2006 als Hoffnungsträger an, hat es aber nicht geschafft, das Unternehmen in Schwung zu bringen. Mit der Weltwirtschaftskrise verschärften sich die Probleme weiter. In der ersten Jahreshälfte brachen die Werbeeinnahmen der britischen TV-Sender um 17 Prozent ein.

ITV musste von Januar bis Juni einen Nettoverlust von 72 Mio. Pfund verkraften. Im Vorjahreszeitraum war nach Abschreibung von 1,6 Mrd. Pfund sogar ein Minus von 1,5 Mrd. Pfund aufgelaufen. Im Frühjahr 2009 leitete Grade ein drastisches Sparprogramm ein, das sechshundert Stellen kostete und deutliche Kürzungen bei den Inhalten vorsah.

Aber ITV ist nicht der einzige Privatsender, dem es schlecht geht. Auch die beiden Konkurrenten Channel 4 und Five siechen vor sich hin. Nur der Bezahlsender BskyB, der Anbieter von Internetfernsehen Virgin Media und die gebührenfinanzierte öffentlichrechtliche BBC stehen finanziell noch solide da. Die Regierung sieht die Misere der Privatsender mit Sorge, vor allem weil es den Politikern wichtig ist, ein konkurrierendes Nachrichtenangebot zur BBC sicher zu stellen. Deshalb will Labour-Premierminister Gordon Brown erstmals knapp vier Prozent des jährlich 3,6 Mrd. Pfund schweren BBC-Gebührentopfs für notleidende Privatsender zugänglich machen.

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