Fiktives „Google Nest“
Mit Realsatire gegen die Datenkrake

Den Nachwuchs per Drohne überwachen? Im Netzwerk „Google Nest“ kein Problem – aber nur Satire. Aktivisten protestierten auf der Netzkonferenz Republica mit viel Aufwand gegen die Datengier des Web-Giganten.
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BerlinDas Dementi kam prompt: „Die Aktion #googlenest ist eine Satire, die dazugehörige Website ist ein Fake und stammt nicht von uns“, stellte die Google-Pressestelle via Twitter klar. Doch das hatten viele Besucher der Internetkonferenz Republica nicht mitbekommen. Zu Anfang der Session am Mittwochnachmittag gingen sie davon aus, vorne auf der Bühne keine Show, sondern tatsächlich ein brandneues Google-Produkt präsentiert zu bekommen. Zu echt der Internetauftritt der angeblich neuen Produktpalette „Google Nest“, zu echt die (fingierten) Pressemitteilungen, die im Internet kursierten und in denen Piraten und Grüne einhellig Googles neuste Erfindung kritisierten.

Und so ließen sich die Zuhörer im großen Konferenzsaal  der Republica also staunend bis offen entsetzt die angeblichen Vorzüge der neusten Erfindung aus dem Hause Google erklären. Unter der Dachmarke „Google Nest“ vereint, so erklärten die beiden Google-Gesandten vorne auf der Bühne, würden bald völlig neue Tools und Dienste online gehen: Die „Google Bee“ zum Beispiel, eine Drohne für den Privatgebrauch, mit der sich der eigene Nachwuchs prima rund um die Uhr überwachen lässt. „Google Trust“, eine Versicherung im Falle eines Datenklaus.  „Google Hug“, ein Tool, das die momentane Stimmung eines Nutzers analysiert und wildfremde Menschen für eine kurze Umarmung zusammenbringt. Oder der neue Service „Google Bye“, der nach dem eigenen Tod eine hübsche Webseite online stellt, auf der automatisch die schönsten (privaten) E-Mails der vergangenen Jahre aufgelistet werden.

Spätestens da wurden dann auch die Letzten im Saal skeptisch. Oder auch nicht. Denn dass Google die Mails seiner Nutzer zumindest mitliest, ist kein Geheimnis mehr. Und was technisch möglich ist, könnte jederzeit umgesetzt werden – zumindest theoretisch.

„Alle wollen unsere Daten“

Für die Aktivisten des Berliner Kollektivs „Peng“  eine wahre Horrorvorstellung. Drohnen, die Kindern hinterherspionieren, Maschinen, die menschliche Gefühle analysieren – in einer solcherart überwachten Gesellschaft, in der es keine Privatsphäre mehr gibt und Daten ungehindert gesammelt und veröffentlicht werden können, wollen sie nicht leben. Deswegen die Google-Satire-Show.

Wobei man keineswegs per se gegen Google ist. Skeptisch beäugt wird vielmehr das große Ganze: „Natürlich erntet Google unsere Daten. Aber sie alle wollen unsere Daten“, erklärt Jean Peters alias Paul von Ribbeck. Der Aktionskünstler, der Ende 2013 schon einmal auf sich aufmerksam gemacht hatte, als er den Shell Science Slam in Berlin platzen ließ,  will im „Peng“-Kollektiv neue Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft erforschen. Die Satire-Show sollte deswegen kein Angriff auf das „böse Google“ sein. Sondern ein Aufruf zum Nachdenken. „Wir müssen uns dringend bewusst machen, wie wir mit unseren Daten im Netz umgehen und unsere Privatsphäre besser schützen“, mahnt Peters.

Am Ende der Veranstaltung lösten er und seine Kollegen das Ganze übrigens auf. Ein Hoax sei es gewesen, eine Show. Aber da hatte es inzwischen sowieso schon jeder verstanden. Privat-Drohnen für den Hausgebrauch und eine Versicherung gegen Datenklau gibt es nicht. Noch nicht.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin
Tina Halberschmidt
Handelsblatt / Teamleiterin und Redakteurin Social Media

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