Financial Times Deutschland
Schmerzhafter Abschied

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Markus Ziener: Ein ehemaliger Teamleiter der FTD

Ein Versprechen war diese Zeitung. Vom ersten Tag an. Frischer, unkonventioneller, vielfältiger und überraschender wollte die FTD sein als alles andere, was bis dahin in Deutschland auf dem Zeitungsmarkt zu finden war. Und tatsächlich wagte sie einen ganz neuen Themenmix, mit Unternehmensgeschichten im ersten Buch der Zeitung statt wie üblich mit Politik, mit Kommentaren, die nicht gezeichnet waren, mit Interviews, die hinterher nicht autorisiert (und dabei vom Interviewten meist verwässert) wurden, mit vielen exklusiven Scoops und mit einem so späten Andruck, der dem Wort Aktualität zu einer ganz neuen Qualität verhalf. Eine mittlere Revolution waren all diese Ideen beim ersten Erscheinen der Zeitung am 21. Februar 2000.

Eine Zeitungsneugründung im saturierten deutschen Medienmarkt war schon alleine eine Sensation – aber durchaus kein Selbstmordkommando. Denn mit dem starken Verlag der britischen Financial Times im Rücken hatte das mutige Konzept des ersten Chefredakteurs Andrew Gowers eine echte Chance. Blutjunge Quereinsteiger waren zum Start der Financial Times Deutschland genauso dabei wie alte Hasen, Linke und Neoliberale, Bürgerliche und Keynesianer.

Wenn über Kommentare und Leitartikel diskutiert wurde kam alles auf den Tisch. Tabus gab es nicht – so lange die These gut argumentiert war. Und: Spielwiesen für selbstverliebte Autoren gab es nur wenige. Auch das war neu, angelsächsisch geprägt und gefiel nicht jedem. Aber mit diesem Anspruch war diese Zeitung schließlich angetreten: Unkonventionell zu sein.

Dass die FTD nicht überlebt, hat viele Gründe. Die haben mit dem Medienmarkt zu tun und mit individuellen Fehlern. Fehler, die in einem positiveren Umfeld wohl verziehen worden wären. Woran es indes nicht mangelte: Leidenschaft und Qualität. Täglich hat es sich gelohnt, die FTD zur Hand zu nehmen. Das gilt gerade auch für die Redakteure der Konkurrenz, denen das lachsrosa Blatt ein Ansporn war. Mit ihrem Verschwinden stirbt nach der Frankfurter Rundschau deshalb ein weiteres Stück Vielfalt. Und auch wenn es ein schwacher Trost für die Redaktion der FTD ist: An ihrer journalistischen Leistung ist die Zeitung nicht gescheitert.

Markus Ziener war zwischen 1999 und 2001 Teamleiter Ausland der FTD und arbeitet als Co-Ressortleiter im Ressort Meinung des Handelsblatts.

Kommentare zu " Financial Times Deutschland: Schmerzhafter Abschied"

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  • Schade um die FTD, nicht weil ich sie gerne gelesen habe, dazu war sie mir zu sehr auf Meinungsmache aus, sondern weil die FTD dem Handelsblatt Konkurrenz gemacht hat und damit deren Qualität enorm gesteigert hat.

    Ich hoffe, dass es durch das Fehlen des Rivalen nicht direkt wieder bergab geht.

  • Als die FTD sich öffentlich entschied, die Finanzkrise schönzureden, hatte sie m.E. den ersten Spatenstich für ihr Grab gesetzt.

    Schade um die Kolumne "Das Kapital", des erfrischend anderen Blickwinkels wegen. Und schade, dass erst der Link zur Jungen Welt den Autoren erahnen lässt.

    Dass im Handelsblatt Gabor Steingart vor 1 1/2 Jahren den angeblichen Abbau des Sozialstaats als Unsinn brandmarkte und zum Rühren an den Pensionen und Renten aufforderte, wenn auch "zum Preis eines Aufstandes" blieb trotzdem folgenlos.

    Er fühlte sich anschließend nicht genötigt, zurückzutreten á la Horst Köhler, aber das scheint wohlnur daran zu liegen, dass den Leitartikel nicht einmal die eigenen Redakteure kennen. Oder wie soll man es verstehen, wenn völlig ernsthaft über einen 5 Mrd Euro schweren Pensionsfonds berichtet wird - bei künftigen Pensionsverpflichtungen in Höhe von 5 BILLIONEN? (Von denen man dank Horst Köhler wissen könnte.)

    Marktstrategisch hatte das Handelsblatt schließlich die Nase vorn. Bei der Erschließung neuer Kundenfelder orientierte man sich links der Mitte und sucht seitdem, sich mit sozialdemokratischer Polemik zu profilieren. Anscheinend mit Erfolg.

    Leider geht das zu Lasten der Sachlichkeit:

    Denn an das Interview mit Klaus Kaldemorgen, WAS Per Steinbrück in seinen Vorträgen denn so von sich gab, scheint sich beim Handelsblatt auch keiner mehr zu erinnern. Im Vergleich zum Inhalt war die Dotierung seiner Vorträge eher langweilig zund nahezu unschädlich.

    Aber wes' Geld ich nehm'...

    PS:

    "Im ausklingenden 19. Jahrhundert"...?
    Herr Enzweiler, ja, Sie haben aufmerksame Leser.
    Sie können Ihren Test jetzt korrigieren.

  • Leider hat es auch die FTD versäumt, wirklich kritische Themen anzusprechen - als da zu nennen wären:
    1.) Der Weg der Öko-Energie ist ein Irrweg. Die Zukunft der Energieversorgung der Menschheit liegt in der Kernenergie, in Reaktoren der 3. und 4. Generation. Obwohl dies jeder Ingenieur aus der Branche weiß, hat auch die FTD nicht das Maul aufgekriegt und vor der Obrigkeit mit ihrem Windmühlen- und Sonnenplatten-Blütentraum geduckt.
    2.) Die vom BMF abgesegnete Zwangsumschuldung der Kleinsparer, die der griechische Umschuldung nicht zugestimmt haben, war das größte Verbrechen der BRD seit der Enteignung der Juden im Dritten Reich. Auch hier hat die FTD nicht das Maul aufgekriegt, sondern vor der Obrigkeit geduckt. Länder wie Argentinien sind ebenfalls nicht besser als das Dritte Reich, denn auch dort werden Sparer und Unternehmer systematisch enteignet - mit Rückendeckung der Politik hierzulande. Auch dazu hat die FTD das Maul nicht aufgekriegt. Hier geht es um elementare Grundsätze der Rechtstaatlichkeit, die über Bord geworfen werden - ohne dass die FTD das Maul aufgekriegt hat.
    3.) Das größte Problem der Menschheit ist die Bevölkerungsexplosion. Die Menschheit steuert auf eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu. Hier hätte die FTD wachrütteln müssen, doch auch dort hat sie geduckt. Denn es gibt handfeste Wirtschaftsinteressen, die von der Zerstörung der Erde infolge der Bevölkerungsexplosion profitieren. Ohne Bevölkerungsexplosion würde das Wirtschaftswachstum der Erde einbrechen. Es ist beschämend, dass die FTD nicht die Chance genutzt hat - und die Menschen wachzurütteln.
    4.) Der Staat dehnt sich auch in der BRD wie eine Seuche aus. Privatinitiative wird massiv zurückgedrängt. Zu dem Rekommunalisierungswahnsinn - um eine Beispiel zu nennen - fehlten kritische Worte der FTD - man duckte vor der Politik.

    Fazit: Ja-Sage- und Kuscheljournalismus, der den Finger nicht in die Wunde legt, ist überflüssig.

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