Financial Times Deutschland: Schmerzhafter Abschied

Financial Times Deutschland
Schmerzhafter Abschied

Der Aufsichtsrat des Verlags Gruner + Jahr hat beschlossen, die „Financial Times Deutschland“ möglicherweise einzustellen. Unsere Autoren haben für die G+J-Wirtschaftsredaktionen gearbeitet und berichten aus ihrer Sicht.
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Der Verlag Gruner + Jahr (G+J) hat auf einer Aufsichtsratssitzung am Mittwoch in Hamburg beschlossen, dass der Vorstand „einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J Wirtschaftsmedien“ vornehmen darf. Es liefen letzte Gespräche zu einem möglichen Verkauf der Zeitung, teilte ein Sprecher mit. Allerdings berichten Mitarbeiter bereits, dass am 7. Dezember der letzte Erscheinungstag des Blattes sein werde. Das Blatt selbst schreibt auf seiner Homepage, „vor der Einstellung zu stehen“. Unsere Autoren haben bei der FTD gearbeitet und berichten aus ihrer Zeit bei der Zeitung.

Die FTD ist ein Kind der New Economy. Ende 1998 unterschrieb ich meinen Vertrag mit „Facts and Figures“, einem Provisorium, weil das Gemeinschaftsunternehmen von Pearson und Gruner + Jahr noch nicht einmal genehmigt war. Der Name war noch nicht klar: „Deutsche Financial Times“? „Financial Times Deutschland“? Oder gar ein deutscher Titel? Der Verzicht auf die Marke FT allerdings wäre genauso idiotisch gewesen wie die Farbe lachsrosa wegzulassen.

Damals schien alles möglich: Der Erfolg von Unternehmen wurde in der „cash burn rate“ gemessen, der Geschwindigkeit, in der ein Start Up das Geld der Investoren verbrannte. Auch wir heizten ordentlich mit Barem: Innerhalb von ein paar Monaten eine komplette, mehr als hundertköpfige Redaktion für eine qualitativ hochwertige Wirtschaftszeitung auf die Beine zu stellen, das ging nur, indem man gute Leute aus ihren Verträgen herauskaufte. Dafür war neben Charisma – das hatte Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers – auch Cash nötig. Zum Glück gab es das auch.

Dennoch machte ich eine interessante Erfahrung: Viele Wirtschaftsredakteure, die tagein, tagaus Mut zum Risiko und Innovationsfreude predigen, waren extrem risikoscheu, obwohl der Markt boomte. Aber nicht alle waren so ängstlich, deshalb konnten wir viele gute Leute an Bord holen, auch vom Handelsblatt: Der Name Financial Times war Programm, stand für Seriosität, einen hohen Qualitätsanspruch und Freude an der Veränderung.

Allerdings, das war die zweite Erfahrung: Neben guten Leuten lockt so ein Projekt auch manche Spinner und Querulanten an. Nach ein paar Wochen gab es die erste Krise, Widersprüche brachen auf. Einige verließen uns, lange bevor die erste Nullnummer in Arbeit war.

Rasch wurde klar, dass die FTD sich nicht durch ein besonders extravagantes Layout, sondern durch ihren Journalismus vom Wettbewerb abheben sollte. Wir wollten auf Internationalität und einen wirklich europäischen Standpunkt setzen, den Abschied von der „Festung Deutschland.“ Und das nicht nur in der politischen Redaktion, für die ich zuständig war.

In die Gründungszeit fiel der „Angriff“ von Vodafone auf Mannesmann, den sogar der angeblich so fortschrittliche Wolfgang Clement als Sakrileg empfand. Ein gutes Beispiel für das, was wir anders machen wollten. Die Unternehmensberichterstattung insgesamt sollte sich endlich befreien von Anbiederei und liebedienerischem Verlautbarungs-Journalismus.

In dieser Hinsicht hat die FTD tatsächlich viel verändert. Natürlich nicht sie allein, viele andere Faktoren kamen dazu. Aber das lachsrosa Baby war das sichtbarste Symbol dafür. Es wird fehlen.

Thomas Hanke arbeitet als Korrespondent für das Handelsblatt in Paris.

Kommentare zu " Financial Times Deutschland: Schmerzhafter Abschied"

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  • Schade um die FTD, nicht weil ich sie gerne gelesen habe, dazu war sie mir zu sehr auf Meinungsmache aus, sondern weil die FTD dem Handelsblatt Konkurrenz gemacht hat und damit deren Qualität enorm gesteigert hat.

    Ich hoffe, dass es durch das Fehlen des Rivalen nicht direkt wieder bergab geht.

  • Als die FTD sich öffentlich entschied, die Finanzkrise schönzureden, hatte sie m.E. den ersten Spatenstich für ihr Grab gesetzt.

    Schade um die Kolumne "Das Kapital", des erfrischend anderen Blickwinkels wegen. Und schade, dass erst der Link zur Jungen Welt den Autoren erahnen lässt.

    Dass im Handelsblatt Gabor Steingart vor 1 1/2 Jahren den angeblichen Abbau des Sozialstaats als Unsinn brandmarkte und zum Rühren an den Pensionen und Renten aufforderte, wenn auch "zum Preis eines Aufstandes" blieb trotzdem folgenlos.

    Er fühlte sich anschließend nicht genötigt, zurückzutreten á la Horst Köhler, aber das scheint wohlnur daran zu liegen, dass den Leitartikel nicht einmal die eigenen Redakteure kennen. Oder wie soll man es verstehen, wenn völlig ernsthaft über einen 5 Mrd Euro schweren Pensionsfonds berichtet wird - bei künftigen Pensionsverpflichtungen in Höhe von 5 BILLIONEN? (Von denen man dank Horst Köhler wissen könnte.)

    Marktstrategisch hatte das Handelsblatt schließlich die Nase vorn. Bei der Erschließung neuer Kundenfelder orientierte man sich links der Mitte und sucht seitdem, sich mit sozialdemokratischer Polemik zu profilieren. Anscheinend mit Erfolg.

    Leider geht das zu Lasten der Sachlichkeit:

    Denn an das Interview mit Klaus Kaldemorgen, WAS Per Steinbrück in seinen Vorträgen denn so von sich gab, scheint sich beim Handelsblatt auch keiner mehr zu erinnern. Im Vergleich zum Inhalt war die Dotierung seiner Vorträge eher langweilig zund nahezu unschädlich.

    Aber wes' Geld ich nehm'...

    PS:

    "Im ausklingenden 19. Jahrhundert"...?
    Herr Enzweiler, ja, Sie haben aufmerksame Leser.
    Sie können Ihren Test jetzt korrigieren.

  • Leider hat es auch die FTD versäumt, wirklich kritische Themen anzusprechen - als da zu nennen wären:
    1.) Der Weg der Öko-Energie ist ein Irrweg. Die Zukunft der Energieversorgung der Menschheit liegt in der Kernenergie, in Reaktoren der 3. und 4. Generation. Obwohl dies jeder Ingenieur aus der Branche weiß, hat auch die FTD nicht das Maul aufgekriegt und vor der Obrigkeit mit ihrem Windmühlen- und Sonnenplatten-Blütentraum geduckt.
    2.) Die vom BMF abgesegnete Zwangsumschuldung der Kleinsparer, die der griechische Umschuldung nicht zugestimmt haben, war das größte Verbrechen der BRD seit der Enteignung der Juden im Dritten Reich. Auch hier hat die FTD nicht das Maul aufgekriegt, sondern vor der Obrigkeit geduckt. Länder wie Argentinien sind ebenfalls nicht besser als das Dritte Reich, denn auch dort werden Sparer und Unternehmer systematisch enteignet - mit Rückendeckung der Politik hierzulande. Auch dazu hat die FTD das Maul nicht aufgekriegt. Hier geht es um elementare Grundsätze der Rechtstaatlichkeit, die über Bord geworfen werden - ohne dass die FTD das Maul aufgekriegt hat.
    3.) Das größte Problem der Menschheit ist die Bevölkerungsexplosion. Die Menschheit steuert auf eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu. Hier hätte die FTD wachrütteln müssen, doch auch dort hat sie geduckt. Denn es gibt handfeste Wirtschaftsinteressen, die von der Zerstörung der Erde infolge der Bevölkerungsexplosion profitieren. Ohne Bevölkerungsexplosion würde das Wirtschaftswachstum der Erde einbrechen. Es ist beschämend, dass die FTD nicht die Chance genutzt hat - und die Menschen wachzurütteln.
    4.) Der Staat dehnt sich auch in der BRD wie eine Seuche aus. Privatinitiative wird massiv zurückgedrängt. Zu dem Rekommunalisierungswahnsinn - um eine Beispiel zu nennen - fehlten kritische Worte der FTD - man duckte vor der Politik.

    Fazit: Ja-Sage- und Kuscheljournalismus, der den Finger nicht in die Wunde legt, ist überflüssig.

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