Financial Times Deutschland
Schmerzhafter Abschied

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Tasso Enzweiler: Ehemaliger Chefreporter der FTD

Das Kind wurde am 21. Februar 2000 geboren. Es ist todkrank. Wenn es noch ganz viel Glück hat, erlebt es seinen 13. Geburtstag noch. Wahrscheinlich aber wird die deutsche Financial Times Deutschland nach kurzer, intensiver Blüte vorher sterben.

Darin liegt eine große Tragik. Die Zeitung, die für einen originellen, unverkrampften, bisweilen frechen Wirtschaftsjournalismus stand und steht, konnte sich am Markt nicht durchsetzen. Das ist unabhängig davon, ob sich nicht vielleicht doch noch in letzter Minute ein Käufer findet. Die Idee einer deutschen Financial Times ist tot. Denn der britische Pearson-Konzern, der die britische Financial Times herausgibt, hat sich schon vor längerer Zeit aus dem publizistischen Vorzeigeprojekt zurückgezogen - es fehlt das Geld. Den notwendigen Cashflow haben die Verlage, egal ob in Großbritannien oder in Deutschland, schon lange nicht mehr. Kein Zufall, dass Bertelsmann und Pearson kürzlich bekanntgaben, ihre Buchsparten zusammenlegen zu wollen.

Die Geschichte der Financial Times Deutschland ist keine Leidenszeit, sondern ein turbulentes Auf und Ab. Ich hatte das Glück, im Gründungsteam als Geburtsthelfer dabei sein zu dürfen. Es war eine phantastische Zeit. Wie Thomas Hanke schreibt: Die FTD ist ein Kind der New Economy. Sie ist in ihrer Geburt im ausklingenden 19. Jahrhundert verankert. Alles schien möglich in den Jahren zwischen 1997 und 1999, die Aktienkurse brachen jede Woche neue Rekorde, der Internethype begann, die Gesetze der traditionellen Ökonomie schienen ausgehebelt. Eine Zeitung des Sturm und Drang. Der kurze Zeitungssommer der Anarchie.

Die FTD war bei ihrer Gründung nur halb eine Zeitung, zur anderen Hälfte war sie ein Internet-Startup. Print und Online, diese Gegensätze hob die FTD systematisch auf, Print und Online wurden bei der FTD von Anfang an integriert.

Die FTD war vor allem aber für die, die damals dabei waren, ein Lebensgefühl. Sie war kein Job. Work and Life waren eins, der Begriff Work-Life-Balance war 2000 erst in Ansätzen verbreitet – bei der FTD jedenfalls nicht. Bis 22 Uhr wurde am Blatt und an den journalistischen Texten für die nächsten Tage gearbeitet, dann ging der Spaß weiter, es ging in die Bars, in die Szene-Restaurants von Hamburg. Am nächsten Morgen um 9 oder 10 Uhr ging es wieder in der Redaktion, mit dem Croissant vom Bäcker nebenan und mit rabenschwarzem Kaffee bewaffnet. Die FTD war kultig, ein cooles Projekt, sie war hip und sexy.

Es war ein Auf und Ab. Anfangs blies der Gegenwind der Unternehmen und der journalistischen Konkurrenz der FTD eiskalt entgegen, doch die junge Redaktion blieb standhaft. Sie entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer der führenden Qualitätsmedien der Republik. Blühende Umsatzträume hatten Gruner + Jahr und die britische Financial Times, die beiden Eigner. Die Luftschlösser sind schnell zerplatzt. Wie das berühmte gallische Dorf stemmte sich spätestens seit 2005, als der charismatische FTD-Gründungschefredakteur Andrew Gowers als größter FTD-Fan beim Mutterblatt Financial Times seinen Hut nahm, eine immer kleiner werdende FTD-Mannschaft mit publizistischen Glanzleistungen und brillianten Ideen gegen das unvermeidbar näher rückende ökonomische Ende.

Doch vor zweieinhalb Jahren schien ein Ableben der mit Journalisten- und Designpreisen verwöhnten Zeitung gar nicht mehr auf der Tagesordnung zu stehen. Die FTD schien gerettet – so sah es damals aus: Bei der 10-Jahr-Feier der FTD, ließ sich die Kanzlerin blicken, sie sprach ihre Anerkennung aus und lobte das Blatt. Auch der damalige Gruner+Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz pries die FTD über alle Maßen.

Doch leider kam Angie nur für einen Tag und Buchholz wurde gefeuert. Die Totengräberin der FTD heißt bizarrerweise Julia Jäkel, als Vorstandmitglied von Gruner + Jahr seit wenigen Wochen für das Deutschlandgeschäft zuständig. Eine Ironie des Schicksals. Ausgerechnet Julia. Einst Gründungsmitglied der FTD, stieß die ehemalige Bertelsmann-Traineefrau am 1. Oktober 1999 als stellvertretende geschäftsführende Redakteurin zur Gründungsredaktion der FTD; ihr Vorgesetzter war Christoph Keese. Julia war begeisterte eine FTD-Gründern. Und ausgerechnet sie muss nun den schweren Gang nach Canossa antreten und die FTD beerdigen – wer würde sie um diese Aufgabe beneiden wollen?

Wer wagt, gewinnt, aber er macht auch Fehler. Das ging natürlich auch der FTD so. Die verpatzte erste Titelgeschichte am 21. Februar machte ebenso Furore wie die vielen Erfolge; so mancher Scoop war am Ende leider doch keiner, und die Nicht-Autorisierung von Interviews nach britischem Vorbild trieb bisweilen skurrile Blüten. Dennoch: Die FTD und ihre Redaktion bewies grandiosen Mut, und die Tragik ist, dass dieser Mut vom Leben NICHT belohnt wurde.

Das Handelsblatt übrigens war im Jahr 2000, verglichen mit dem heutigen Blatt, ein grauenvolles Blatt, positiv gewendet: eine verschnarchte Zeitung, ein langweiliger Monopolbetrieb, der von Leserorientierung nichts verstand. Die FTD war der Innovationstreiber der Branche, und selbst das Dickschiff FAZ wurde von der FTD publizistisch massiv nach vorne geschoben – die FTD war der Fitnesstrainer der deutschen Zeitungslandschaft.

Noch ist sie es. Aber der Tod ist beschlossen. Es liegt in eine gewisse Ironie darin, dass das Handelsblatt jetzt - journalistisch anspruchsvoll - die Idee eines täglichen Magazins weiterführt - eine Idee, die von der FTD mangels Cash-Flow nicht zu Ende gebracht werden konnte. Das ist Wettbewerb.

Die letzte Ausgabe der FTD, egal wann sie erscheint, werde ich mir kaufen und auf ewig aufheben. Die erste hat schon einen Ehrenplatz.

Tasso Enzweiler ist heute Geschäftsführer der Kommunikationsberatung Ketchum Pleon GmbH in Düsseldorf. Er war Mitglied im Gründungsteam der FTD und arbeitete beim Start und in den ersten Jahren der FTD als Chefreporter der Zeitung.

Kommentare zu " Financial Times Deutschland: Schmerzhafter Abschied"

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  • Schade um die FTD, nicht weil ich sie gerne gelesen habe, dazu war sie mir zu sehr auf Meinungsmache aus, sondern weil die FTD dem Handelsblatt Konkurrenz gemacht hat und damit deren Qualität enorm gesteigert hat.

    Ich hoffe, dass es durch das Fehlen des Rivalen nicht direkt wieder bergab geht.

  • Als die FTD sich öffentlich entschied, die Finanzkrise schönzureden, hatte sie m.E. den ersten Spatenstich für ihr Grab gesetzt.

    Schade um die Kolumne "Das Kapital", des erfrischend anderen Blickwinkels wegen. Und schade, dass erst der Link zur Jungen Welt den Autoren erahnen lässt.

    Dass im Handelsblatt Gabor Steingart vor 1 1/2 Jahren den angeblichen Abbau des Sozialstaats als Unsinn brandmarkte und zum Rühren an den Pensionen und Renten aufforderte, wenn auch "zum Preis eines Aufstandes" blieb trotzdem folgenlos.

    Er fühlte sich anschließend nicht genötigt, zurückzutreten á la Horst Köhler, aber das scheint wohlnur daran zu liegen, dass den Leitartikel nicht einmal die eigenen Redakteure kennen. Oder wie soll man es verstehen, wenn völlig ernsthaft über einen 5 Mrd Euro schweren Pensionsfonds berichtet wird - bei künftigen Pensionsverpflichtungen in Höhe von 5 BILLIONEN? (Von denen man dank Horst Köhler wissen könnte.)

    Marktstrategisch hatte das Handelsblatt schließlich die Nase vorn. Bei der Erschließung neuer Kundenfelder orientierte man sich links der Mitte und sucht seitdem, sich mit sozialdemokratischer Polemik zu profilieren. Anscheinend mit Erfolg.

    Leider geht das zu Lasten der Sachlichkeit:

    Denn an das Interview mit Klaus Kaldemorgen, WAS Per Steinbrück in seinen Vorträgen denn so von sich gab, scheint sich beim Handelsblatt auch keiner mehr zu erinnern. Im Vergleich zum Inhalt war die Dotierung seiner Vorträge eher langweilig zund nahezu unschädlich.

    Aber wes' Geld ich nehm'...

    PS:

    "Im ausklingenden 19. Jahrhundert"...?
    Herr Enzweiler, ja, Sie haben aufmerksame Leser.
    Sie können Ihren Test jetzt korrigieren.

  • Leider hat es auch die FTD versäumt, wirklich kritische Themen anzusprechen - als da zu nennen wären:
    1.) Der Weg der Öko-Energie ist ein Irrweg. Die Zukunft der Energieversorgung der Menschheit liegt in der Kernenergie, in Reaktoren der 3. und 4. Generation. Obwohl dies jeder Ingenieur aus der Branche weiß, hat auch die FTD nicht das Maul aufgekriegt und vor der Obrigkeit mit ihrem Windmühlen- und Sonnenplatten-Blütentraum geduckt.
    2.) Die vom BMF abgesegnete Zwangsumschuldung der Kleinsparer, die der griechische Umschuldung nicht zugestimmt haben, war das größte Verbrechen der BRD seit der Enteignung der Juden im Dritten Reich. Auch hier hat die FTD nicht das Maul aufgekriegt, sondern vor der Obrigkeit geduckt. Länder wie Argentinien sind ebenfalls nicht besser als das Dritte Reich, denn auch dort werden Sparer und Unternehmer systematisch enteignet - mit Rückendeckung der Politik hierzulande. Auch dazu hat die FTD das Maul nicht aufgekriegt. Hier geht es um elementare Grundsätze der Rechtstaatlichkeit, die über Bord geworfen werden - ohne dass die FTD das Maul aufgekriegt hat.
    3.) Das größte Problem der Menschheit ist die Bevölkerungsexplosion. Die Menschheit steuert auf eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes zu. Hier hätte die FTD wachrütteln müssen, doch auch dort hat sie geduckt. Denn es gibt handfeste Wirtschaftsinteressen, die von der Zerstörung der Erde infolge der Bevölkerungsexplosion profitieren. Ohne Bevölkerungsexplosion würde das Wirtschaftswachstum der Erde einbrechen. Es ist beschämend, dass die FTD nicht die Chance genutzt hat - und die Menschen wachzurütteln.
    4.) Der Staat dehnt sich auch in der BRD wie eine Seuche aus. Privatinitiative wird massiv zurückgedrängt. Zu dem Rekommunalisierungswahnsinn - um eine Beispiel zu nennen - fehlten kritische Worte der FTD - man duckte vor der Politik.

    Fazit: Ja-Sage- und Kuscheljournalismus, der den Finger nicht in die Wunde legt, ist überflüssig.

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