Format-Klau
Piraterie bedroht Fernsehkreative

Die neue Sparsamkeit in der Fernsehbranche treibt gefährliche Blüten: Weltweit wächst die Neigung, erfolgreiche Sendekonzepte illegal zu kopieren. Bei der Piraterie von Programmideen geht es um viel Geld. Doch die Ankläger des Format-Klaus haben es oft schwer.

CANNES. „Gerade in der Krise wollen manche Marktteilnehmer unrechtmäßig Geld sparen. Das Unrechtsbewusstsein ist gering ausgeprägt“, klagt Ute Biernat, Vorstandschefin des Verbands zum urheberrechtlichen Schutz von Fernsehformaten (Frapa).

Bei der Piraterie von Programmideen geht es um viel Geld. Nach Angaben des Frapa betrug der weltweite Umsatz mit gehandelten Fernsehformaten in den vergangenen drei Jahren insgesamt 9,3 Mrd. Euro. Das ist ein Anstieg um 45 Prozent im Vergleich zu den Vorjahreszeitraum. Nach Brancheninformationen müssen die Lizenznehmer drei bis acht Prozent der Produktionssumme der jeweiligen Show zahlen. Deutschland spielt in der Formatentwicklung eine zunehmend wichtigere Rolle. Shows wie „Schlag den Raab“ oder „Schillerstraße“ sind weltweite Erfolge.

Meistens werden Fälle von Piraterie noch hinter verschlossenen Türen geregelt. „Wir hatten zwei Problemfälle, doch die konnten wir noch vor der Ausstrahlung lösen“, sagte Jens Richter, Rechteverkaufschef des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat 1. Die Sender wollen vermeiden, ihren Ruf durch den Vorwurf des Diebstahls von Programmideen zu beschädigen. Bisweilen eskaliert aber die Situation. So wurde der Schweizer Privatsender 3+ im März verklagt. Ihm wurde vorgeworfen, seine Kuppelshow „Bauer, ledig, sucht...“ illegal vom britischen Originalformat kopiert zu haben. Die ursprüngliche Sendung „The Farmer wants a wife“ wurde von Fremantle Media kreiert. Der weltgrößte TV-Produzent außerhalb Hollywoods gehört dem Medienkonzern Bertelsmann. Der Zürcher Privatsender wehrt sich allerdings gegen die Vorwürfe von Fremantle. Sie seien unbegründet, denn 3+ habe selbst die Show entwickelt und würde sich auch an andere Sender weiter verkaufen.

Die Kläger gegen den Format-Klau haben es schwer. Länder schützen höchst unterschiedlich das geistige Gut im Fernsehbereich. Nach Angaben von Brancheninsidern sei der Schutz für TV-Formate am besten in Großbritannien gewährleistet. Deshalb sei auch dort die Kreativität im europäischen Vergleich am größten. Doch die Lage ist höchst kompliziert. Die Frapa kämpft für eine Gema der Fernsehkreativen. Die Verwertungsgesellschaft für die Musikindustrie gilt seit Jahren als höchst effektiv.

Noch ist die Grauzone ist aber groß. „Das ist kein Schwarz-Weiß-Thema“, sagt Rechtehändler Richter, der Formate wie „Uri Geller“ weltweit verkauft. Über Jahrzehnte hat sich eingebürgert, dass sich Produzenten von Konkurrenten inspirieren lassen. Auch Ute Biernat, Chefin der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment („Superstar“, „Jörg Pilawa“), bekennt ganz offen: „Es gibt Adaptionen, die keine Kopien sind.“ Als Beispiel nennt die Frapa-Chefin das Pro-Sieben-Format „Schlag den Raab“. Es sei von der US-Quizshow „Win Ben Steins Money“ inspiriert, in der auch der Moderator gleichzeitig Kandidat sei.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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