Französisches Linksblatt „Libération“
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Einst galt das Linksblatt „Libération“ als Vorbild für die deutsche „TAZ“. Mit einer erfrischenden Sprache und neuen Thema wirbelte sie den Zeitungsmarkt auf. Nun bangt das Linksblatt ums nackte Überleben – und die Abwärtsspirale ist kaum noch zu stoppen.

PARIS. Lang lebe Libération!“, wünscht Hervé. „Bei Euch geht es um die Zukunft unseres Landes,“ meint Sylvie. „Ich wäre untröstlich, wenn Ihr verschwindet,“ schreibt Gilbert. Mehr als 600 Leser haben sich schon gemeldet auf der Website von Libération. Manche sprechen der Redaktion Mut zu, andere spenden Geld.

Die Leser reagieren auf einen verzweifelten Hilferuf ihrer Zeitung: Das legendäre Linksblatt „Libération“, einst Vorbild für die deutsche „TAZ“, steht am Rande des Abgrunds. Die Auflage von nur noch 134 800 Exemplaren befindet sich im freien Fall, und das Anzeigengeschäft läuft katastrophal. Deshalb droht der bereits Jahren defizitären Zeitung 2006 ein Rekordverlust von 12 Millionen Euro. Mediensoziologe Jean-Marie Charon erklärt diesen Niedergang so: „Libération hat sich abgenutzt.“

Einen schlimmeren Vorwurf kann man dem Blatt eigentlich kaum machen. Denn die in den siebziger Jahren gegründete „Libé“ war einmal das mit Abstand innovativste Produkt im Pariser Blätterwald. Mit einer frechen Sprache, großen Photos und neuen Themen brachte Libération frischen Wind in eine Zeitungslandschaft, die bis dahin nur aus langweiligen Bleiwüsten bestand. Ihre damalige Alleinstellung hat Libération mittlerweile aber verloren. „Was früher die Originalität von Libération ausmachte, findet sich heute in allen Zeitungen“, beobachtet Experte Charon.

Eingebüßt hat die Zeitung, zu deren Gründern der existentialistische Philosoph Jean-Paul Sartre gehörte, auch ihre einzigartige politische Rolle. Die französische Linke sah in „Libé“ jahrzehntelang ihr Zentralorgan. Heute allerdings sind manche der damaligen linken Ideen aus der Mode gekommen. Mit dem Maoismus der Väter von „Libé“ kann die heutige Jugend nicht mehr viel anfangen. Die aus alten Zeiten gebliebene linke Leserschaft kann sich zudem überhaupt nicht damit anfreunden, dass ihre Zeitung vor einem Jahr in die Hände des Klassenfeindes fiel. Der Bankier Edouard de Rothschild kaufte im April 2005 eine Beteiligung von 38,87 Prozent von „Libé“ , als das schon damals finanziell notleidende Blatt nach einem Investor suchte. Für die „von linkem Gedankengut geprägte Leserschaft“ sei die Ankunft dieses neuen Hauptaktionärs ein „Kulturschock“ gewesen, meint Soziologe Charon.

Rothschild hat sein Engagement bei dem linken Blatt möglicherweise auch schon öfter bereut, denn „Libé“ erweist sich für ihn als Fass ohne Boden. Zwanzig Millionen Euro soll er in die Zeitung schon investiert haben. Weitere Finanzspritzen knüpft Rothschild jetzt an harte Bedingungen. In der Redaktion geht das Gerücht um, dass von den 285 Mitarbeitern 100 gehen sollen. Außerdem soll die Mitarbeitergesellschaft, der gut 18 Prozent der Zeitung gehört, auf ihr Vetorecht gegen Entscheidungen des Managements verzichten.

Vor einer totalen Konfrontation mit der Redaktion schreckt der Bankier bisher allerdings noch zurück. Verhandlungen über seinen Sanierungsplan endeten am vergangenen Mittwoch ohne Ergebnis. Der Hauptaktionär gewährte den Machern von „Libé“ eine letzte Galgenfrist von zwei Wochen. Als Totengräber einer renommierten Tageszeitung will Rothschild vielleicht doch nicht in die Geschichte eingehen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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