Gastkommentar: Ein Risiko, welches keines ist

Gastkommentar
Die Großbaustelle Microsoft

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Ein Risiko, welches keines ist

Die Herausforderungen für Microsoft liegen nicht nur in der Positionierung gegenüber dem Wettbewerb und dem Veröffentlichen von Software und Services. Vielmehr sind es die organisatorischen Facetten der Neuausrichtung, die erhebliche Probleme bergen. Neben der eigenen Organisation geht es für Microsoft insbesondere darum, die Produkt- und Vertriebspartner zu integrieren. Microsoft generiert nach eigenen Angaben 95 Prozent der Umsätze über diese Partner, Es scheint so, als ob Microsoft diesen aufwändigen Rattenschwanz der Umstellung und die Herausforderungen von schnellen Produktzyklen unterschätzt hätte.. Bedingt durch die Verhaltensmuster einer Vielzahl von Partnern wird der IT-Channel zu einem Risikofaktor für die Microsoft-Strategie. Viele Partner wollen und können die benötigten Ressourcen nicht bereitstellen. Nicht ausreichende Kapazitäten bei den Partnerunternehmen führen zu Absatzproblemen bei Microsoft – und somit zu einem Verlust von Relevanz. Die Folge ist, dass dem einstigen Branchenprimus nichts anderes übrig bleibt, als das eigene Servicegeschäft mit eigenen Mitarbeitern und eigener Direktansprache der Kunden noch stärker zu forcieren. Nur so lassen sich die ehrgeizigen strukturellen Veränderungen umsetzen.

Microsoft scheint auf den ersten Blick, einen riskanten Weg zu gehen und die Zukunft des Unternehmens auf eine kühne Wette hin auszurichten. Bei einer genaueren Betrachtung wird jedoch sichtbar, dass sich das Wagnis in einem berechenbaren Rahmen hält. Das eigentliche Risiko tragen nämlich vielmehr die Bestandskunden, die langfristige Service- und Lizenzverträge abgeschlossen haben. Durch smarte und trickreic he Vertragswerke ist es Microsoft gelungen, die Kunden an der Vorfinanzierung neuer Technologien und Produkte direkt monetär zu beteiligen, sowie die Kunden an das Unternehmen zu binden. Die nackten Zahlen in der Bilanz spiegeln den Erfolg dieser Strategie: 17,1 Milliarden US-Dollar werden als sogenannte „unearned revenue“ ausgewiesen. Hierbei handelt es sich grob gesagt um Umsätze- oder Prämienbestandteile, die für Leistungen künftiger Perioden erhoben wurden. Zusätzlich wurden in einem Volumen von 18,5 Milliarden US-Dollar Verträge abgeschlossen, wo noch keine Rechnungsstellung erfolgt ist. Somit kommt eine erhebliche Summe – quasi ein Spielgeld – zusammen, mit welcher die Umstrukturierung finanziert werden kann.

Setzen sich also die neuen Services am Markt durch, kann Microsoft seine Position gegenüber dem Wettbewerb deutlich stärken. Erweisen sich „Cloud Computing & Co.“ nicht als der Weisheit nächster Schritt, tragen die Anwender ein Großteil der Fehlinvestitionen. Übertragen auf die Automobilindustrie würde es bedeuten, dass die Autofahrer ihren nächsten Wagen heute bereits bezahlen, ohne zu wissen, welche Eigenschaften oder Design dieser PKW haben wird.

So oder so: Microsoft braucht im Stammgeschäft und in den Wachstumsmärkten einen Befreiungsschlag. Es geht um nicht weniger als die Hoheit und Meinungsführerschaft im Softwaremarkt

Der Autor:

Axel Oppermann ist IT-Berater.

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