0 Bewertungen
13.12.2007 
Murdoch und das „Wall Street Journal“

Geheimnisträger im 11. Stock

von Torsten Riecke

Heute übernimmt Rupert Murdoch offiziell die Kontrolle beim "Wall Street Journal“. Noch immer rätselt die Redaktion, was der Medientycoon mit dem Renommierblatt vorhat.

Einer der letzten Überzeugungstäter der Medienbranche: Rupert Murdoch. Foto: APLupe

Einer der letzten Überzeugungstäter der Medienbranche: Rupert Murdoch. Foto: AP

NEW YORK. Gemütlich schieben die beiden Mitarbeiter der IT-Abteilung den Bürowagen den Gang hinunter. Oben drauf steht ein nagelneuer Computer samt Bildschirm. "Der ist für Rupert“, witzelt einer der beiden und grinst verschmitzt. Dann zotteln sie weiter in ihrer grauen Arbeitsuniform, hinauf in die oberen Etagen des Dow-Jones-Gebäudes in Manhattan. Dort oben im 11. Stock hat sich Rupert Murdoch eingerichtet, um seine neue Trophäe aus der Nähe zu begutachten: die berühmteste Wirtschaftszeitung der Welt – das "Wall Street Journal“.

Eigentlich übernimmt der 76-jährige Chef der News Corporation erst heute offiziell die Macht beim Wirtschaftsverlag Dow Jones, der die Zeitung verlegt. Denn heute stimmen die Mitglieder der Eigentümerfamilie Bancroft als Aktionäre über seine Fünf-Milliarden-Dollar-Offerte ab.

Doch längst ist Murdoch im südlichen Turm des World Financial Centers – direkt gegenüber von Ground Zero – allgegenwärtig. Im Foyer haben die Sicherheitsleute ihren Fernseher bereits auf die neuen Machtverhältnisse eingestellt. Statt des Wirtschaftssenders CNBC flimmert dort nun Murdochs "Fox News“ über den Bildschirm. Neun Stockwerke höher das gleiche Bild: Die PR-Leute des "Wall Street Journals“ (WSJ), die früher die Auftritte ihrer Star-Reporter beim Dow-Jones-Partner CNBC verfolgten, lassen sich vom Infotainment des eben erst gestarteten "Fox Business Network“ berieseln.

In einer der renommiertesten Redaktionen der Welt scheint die "Murdochisierung“ in vollem Gange. Geht es so weiter, fürchten viele Redakteure schweren Schaden für das "WSJ“. Das Blatt verharrt in angespannter Erwartung dessen, was da im 11. Stock noch ausbaldowert werden könnte.

"Wir wissen einfach nicht, was uns erwartet“, sagt ein Mitarbeiter. Wie die meisten anderen möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen – man weiß ja nie, wie Rupert reagiert. So sind die besten Wirtschaftsreporter Amerikas mit einer kniffligen Recherche im eigenen Haus beschäftigt: Wohin will Rupert Murdoch das "WSJ“ führen?

Noch haben sie keine Antwort gefunden, keinen "Scoop“ gelandet. Zum ersten Mal überhaupt müssen sich die Reporter des "WSJ“ über ihre Eigentümer Gedanken machen. Unter dem Schutz der Bancroft-Familie konnten Verlag und Redaktion jahrzehntelang schalten und walten, wie sie wollten. Diese Nichteinmischung war Ausdruck hehrer Verlegerprinzipien, aber auch ein großes Stück Nachlässigkeit.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Murdoch tickt völlig anders

Feine Adresse im Wirtschaftsjournalismus: das Bürogebäude des Wall Street Journals in New York City. Foto: apLupe

Feine Adresse im Wirtschaftsjournalismus: das Bürogebäude des Wall Street Journals in New York City. Foto: ap

Murdoch tickt völlig anders. "Ich bin zu allererst ein Zeitungsmann“, schrieb er den Bancrofts kurz vor der Übernahme im August. Dem früheren "WSJ“-Chefredakteur Norman Pearlstine verriet der Pressezar, dass er für das Renommierblatt alles andere fallen lassen würde, um sich ein Jahr lang nur darum zu kümmern. So ist es sicher kein Zufall, dass Murdoch vor kurzem seinen Sohn James mehr Verantwortung in seinem Konzern News Corp. übertragen hat.

Was der Medienfuchs mit seiner freien Zeit beim "WSJ“ anfangen will, ist jedoch noch immer sein Geheimnis. Dass Murdoch sich kümmert, ist dagegen bereits klar. Höchstpersönlich hat er zuletzt mehrere wichtige Reporter empfangen, die Wechselabsichten hegten, um sie zum Bleiben zu bewegen. Auch die Druckerei des "WSJ“ in South Brunswick, New Jersey, hat Murdoch besucht – und die Mitarbeiter mit seinem Detailwissen übers Zeitungmachen verblüfft.

Offiziell jedoch lässt er nichts nach außen dringen. Ein Anruf bei Murdochs Hauptquartier ein paar Meilen nördlich vom "WSJ“ in Midtown von Manhattan führt ins Leere: "Wir geben vor der offiziellen Übernahme am 13. Dezember keinen Kommentar“, sagt die Sprecherin Terri Everett höflich, aber bestimmt.

Die fünf Milliarden Dollar, die Murdoch für Dow Jones zahlen will, sind ein stolzer Preis für das mehr als 100 Jahre alte Familienunternehmen – liegt das Angebot doch zwei Drittel über der letzten Börsenbewertung. Dennoch rang die über 35-köpfige Eigentümerfamilie Bancroft monatelang mit sich, ob sie dem Lockruf folgen sollte. Am Ende setzte sich das australische Raubein vor allem deshalb durch, weil die Bancrofts keine Alternative hatten.

Doch leichten Herzens werden die meisten Bancrofts heute nicht ihre Hand für das "unmoralische“ Angebot heben. Der Zweifel bleibt, ob Murdoch das renommierte "WSJ“ trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht doch für seine wirtschaftlichen und politischen Ziele missbraucht.

Die Chance, darüber ein gewichtiges Wort mitzusprechen, ist jedoch dem Familienzwist zum Opfer gefallen. Weil sich die Bancrofts nicht darauf einigen konnten, wen sie ins Board, das höchste Führungsgremium von News Corp. schicken wollten, suchte sich Murdoch kurzerhand die Opernsängerin Natalie Bancroft aus. Die 27-Jährige verfügt über fast keine Erfahrungen in der Medienbranche. "Das ist eine lustige Familie“, kommentierte Murdoch die blamable Abschiedsvorstellung der Bancrofts.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kein Ende des Rätselratens

Titelseite des Wall Street Journal: Nachrichtenprofi Robert Thomson soll die Redaktion verstärken. Foto: apLupe

Titelseite des Wall Street Journal: Nachrichtenprofi Robert Thomson soll die Redaktion verstärken. Foto: ap

In Verlag und Redaktion des "WSJ“ richtet man sich auf die Machtübernahme ein. Dow-Jones-Geschäftsführer Richard Zannino ist bereits zurückgetreten. Er macht Platz für den Murdoch-Gefährten Leslie Hinton aus Großbritannien. Zannino war es, dem Murdoch sein Übernahmeangebot am 29. März dieses Jahres zum Frühstück servierte.

Auch "WSJ“-Herausgeber Gordon Crovitz hat abgedankt. Ihn ersetzt Robert Thomson, bis vor kurzem Chefredakteur der ehrwürdigen "Times“ in London, die ebenfalls zum Murdoch-Imperium gehört. Wie Murdochs begann auch Thomsons Karriere einst in Australien – als Reporter bei der Zeitung "The Herald“.

Murdoch bleibt sich treu. Bereits bei seinem US-Boulevardblatt "New York Post“ setzte er auf britische und australische Gefolgsleute, um seinen Kurs einzuschlagen. Das sorgt für Kopfschütteln in den USA: "Viele Amerikaner irritiert sein aggressives Geschäftsgebaren. Sie betrachten es nahezu mit Verachtung“, schreibt Martin Dunn, der einst für Murdoch arbeitete und nun die Redaktion der "Daily News“ in New York leitet.

Das Rätselraten über Murdochs Strategie hat das neue britisch-australische Führungsduo bei Dow Jones noch nicht beendet. Der 63-jährige Hinton arbeitet seit seinem 15. Lebensjahr für Murdoch. In Großbritannien führte er einst mit dem Boulevardblatt "The Sun“ einen erbitterten Pressekrieg gegen die Konkurrenz. Solche Methoden treiben gestandenen "WSJ“-Leuten tiefe Furchen in die Stirn.

Mit dem schlaksigen Thomson bekommt die Redaktion dagegen einen Nachrichtenprofi. Der 46-Jährige leitete vor seinem Wechsel zur "Times“ vier Jahre lang die US-Ausgabe der "Financial Times“ (FT). Thomson ist zudem seit langem mit "WSJ“-Chefredakteur Marcus Brauchli befreundet, den er aus gemeinsamen Reporter-Tagen in Asien kennt. Brauchli und Thomson spielen in Murdochs Planungen eine entscheidende Rolle. "Von ihnen will er wissen, wie man am besten die ,New York Times’ in Amerika und international die ,FT’ in die Enge treibt“, sagt ein Dow-Jones -Kenner.

Einige Ideen hat Murdoch bereits angedeutet. Er wünscht sich kürzere Artikel, und er möchte die bisher kostenpflichtige Webseite WSJ.com umsonst ins Internet stellen. Der Wegfall von Nutzergebühren lasse sich durch zusätzliche Werbeeinnahmen mehr als ausgleichen, ließ Murdoch seine Skeptiker wissen.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Von wem die journalistische Zukunft des WSJ abhängen dürfte

Journalistisch dürfte die Zukunft des "WSJ“ vor allem von Brauchli abhängen, dem 1,90 Meter großen Amerikaner mit Schweizer Pass. Brauchli verpasste dem "WSJ“ in Print und Internet bereits in der Vor-Murdoch-Zeit ein neues Gesicht. Dann beerbte er gerade den langjährigen Chefredakteur Paul Steiger, als Murdoch sein Angebot für Dow Jones abgab.

Nun sitzt Brauchli zwischen zwei Stühlen. Er soll die Ideen des neuen Eigentümers umsetzen, muss gleichzeitig aber auch dafür sorgen, dass der sich nicht in redaktionelle Belange einmischt. Leicht wird das nicht, ist der hemdsärmelige Verleger doch dafür bekannt, kurz vor Drucklegung noch die Schlagzeilen seiner Zeitungen zu korrigieren.

Aber der Medienunternehmer hat insbesondere bei seinen Zeitungen auch oft bewiesen, dass er finanziell einen langen Atem hat, um seine Vision als Verleger durchzusetzen. Rupert Murdoch ist ein Überzeugungstäter – einer der letzten, die es in der Medienbranche noch gibt.

Murdoch guckt sich gerne einen großen Gegner aus. Dieses Mal gilt sein Ehrgeiz der "New York Times“ als der publizistischen Bastion des liberalen Amerika. Zunächst will er die politische Berichterstattung des "WSJ“ in Washington erweitern, um die Vormacht der "Gray Lady“ in der Hauptstadt zu brechen. Auch das Feuilleton des "WSJ“ will er stärken.

"Sobald die Verträge unterschrieben sind, wird Murdoch mit seinen Leuten hier einmarschieren“, sagt ein Dow-Jones -Mitarbeiter. "Nächstes Jahr werden wir das ,Wall Street Journal’ nicht wiedererkennen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Rupert Murdoch: Ein Medien-Imperium für die ganze Welt

Der Mann:
Rupert Murdoch wurde am 11. März 1931 in Melbourne, Australien, geboren. Er studierte an der Oxford University in England. Nach dem überraschenden Tod seines Vaters Keith übernahm der 21-Jährige 1952 dessen Medienunternehmen, das vor allem aus zwei Zeitungen und einem Radiosender bestand. Murdoch (Foto) ist in dritter Ehe mit Wendi Deng verheiratet. Bei der Scheidung von Anna Torv 1999 sprach ein Gericht seiner Exfrau, mit der er 38 Jahre verheiratet war, eine Abfindung von 1,7 Milliarden Dollar zu.

Der Konzern:
Murdochs News Corporation ist einer der größten Medienkonzerne der Welt. 70 Prozent des Jahresumsatzes von 25 Milliarden Dollar erwirtschaftet News Corp. im US-Geschäft. Zu den Beteiligungen gehören Verlage wie HarperCollins, US-Zeitungen wie der "Boston Herald“ und das "New York Magazine“, der US-Baseballverein Los Angeles Dodgers, die Filmstudios "20th Century Fox“, der Satellitensender BSkyB in Großbritannien, die TV-Senderkette Fox sowie das Internetportal MySpace.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterTechnologie

Nokia will das Internet neu definieren  Artikel in Merkliste

02.12.2008Nokia will mit dem N 97 neue Märkte erobern. Foto: Reuters

Die einst so wachstumsstarke Mobilfunk- und Handybranche stellt sich erstmals seit 2001 wieder auf magerere Zeiten ein – und sucht nach neuen Einnahmequellen. Der Branchenprimus Nokia baut auf das Internet und weitet sein Produktsortiment mit einem neuen Alleskönner aus: dem N 97. Artikel


Anzeige