Generation Gründer
Stulle mit Wurst

Das Internet demokratisiert den Genuss – und macht den Luxus nahbarer: Dinner mit Sterne-Köchen, Zimmer in Luxus-Hotels oder Designermöbel. Warum wir aber hierzulande noch Schwierigkeiten damit haben.
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BerlinIm Internet hat gerade ein neuer Gourmet-Club eröffnet. Wer Mitglied bei „Youdinner“ wird, darf einmal im Monat bei einem Spitzenkoch speisen und nicht nur einfach in dessen Restaurant: in einer ausgewählten Top-Location inmitten erlesener Gesellschaft. Unter Leuten, die gern über die Qualität von Fleisch und Whiskey reden. Der Koch kommt bei solchen Gelegenheiten auch mal an den Tisch und erklärt, was er sich bei der Kombination aus Süßkartoffel und Sardine gedacht hat. Ganz nah dran.

Früher war das Sternerestaurant weit weg. Da wusste man nicht mal, wie man da einen Tisch bekommt, geschweige denn, was man anziehen muss. Heute muss man nur auf den Bezahl-Button drücken und ist drin - im Club der Reichen und Schönen. Genauso leicht kann man heute eine Putzfrau einstellen, Massagen und Pediküren buchen, den Personal-Trainer oder eine Innen-Einrichterin zu sich nach Hause holen. Luxushotels verticken ihre freien Zimmer günstig bei Secret Escapes, Designermöbel gibt es bei Westwing. Man könnte sagen, das Internet demokratisiert den Genuss – und macht den Luxus nahbarer.

Kann das funktionieren? In einer Gesellschaft, die dem Genuss, nun ja, nicht gerade aufgeschlossen gegenüber steht. Das sieht man an den Lebensmittelpreisen im Supermarkt. Qualität war uns lange nicht so wichtig. Im Urlaub schlürften wir Austern und kosteten Confit de Canard, zu Hause gab’s wieder Stulle mit Wurst.

Die Start-ups, die sich mit Essen beschäftigen – und das sind viele – sagen alle, dass der deutsche Markt schwer zu erobern sei. Ich kenne auch kaum Leute, die sich das Essen aus dem Restaurant liefern lassen. Wenn wir schon mal schön zu Hause essen, dann wollen wir das Zeug vorher auch schnibbeln und Tüten aus dem Supermarkt nach Hause schleppen. Eine Pizza bestellen wir schon mal, ja, aber das ist erstens eine Ausnahme und zweitens holen wir sie selbst ab. Genuss geht nicht ohne Qual einher. Das ist protestantische Arbeitsethik und katholische Lust am Leiden in einem.

Obendrein kriegen wir ein schlechtes Gewissen, wenn der Lieferbote drei Altbaustockwerke nach oben joggt, um uns das Essen aufzutischen. Dass die Verwandten der Lieferanten in ihren Heimatländern für viel geringere Löhne unsere Klamotten nähen und die iPhones zusammenbauen, wissen wir. Aber das lässt sich leichter verdrängen. Die Fahrer von Foodora und Deliveroo aber sind in Berlin und Hamburg, in Stuttgart und in Münster nicht zu mehr zu übersehen. Schon deshalb nicht, weil sie riesige, pinkfarbene oder türkisfarbene Kisten auf dem Rücken tragen.

Wir schwelgen längst im Luxus. Aber entwertet ihn seine Allgegenwärtigkeit nicht auch? Wenn alles jetzt mit einem Klick erreichbar ist, was ist es dann noch wert? Es wird nicht lange dauern, bis die ersten Start-ups aufmachen, die mit nur einem Produkt werben: Stulle mit Wurst.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

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