Gesundheitskarte kann noch pünktlich kommen
IT-Industrie kritisiert Apotheken und Kassen

Die IT-Industrie hat das Scheitern der Gespräche über die Konzeption der Gesundheitskarte kritisiert. „Die Zeit, die wir brauchen, wird für politische Interessenspiele vergeudet“, klagte am Donnerstag Martin Praetorius, Leiter des Arbeitskreises „eHealth“ beim IT-Bundesverband Bitkom

doe/jkn BERLIN/FRANKFURT. Dennoch äußerten sich Vertreter der Branche durchaus zuversichtlich, dass das 1,8 Mrd. Euro teure Prestigeprojekt zumindest in Teilbereichen noch rechtzeitig starten kann. Die Gesundheitskarte für Patienten soll im Jahr 2006 eingeführt werden.

Der Lenkungsausschuss der Selbstverwaltung von Apotheken, Ärzten und Krankenkassen hatte sich am Mittwochabend nicht auf ein Konzept einigen können. Damit ist die Frist für eine eigene Lösung der Leistungsträger und -erbringer verstrichen und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) könnte die Karte per Verordnung durchsetzen.

Schmidt äußerte sich enttäuscht darüber, dass sich die Selbstverwaltung nicht geeinigt hat. Nun sollen ihre Beamten den von Kassenvertretern eingereichten Vorschlag prüfen. Dieser sieht vor, dass die Patientendaten auf einem zentralen Computer gespeichert werden. In Regierungskreisen wird damit gerechnet, dass die Ministerin in der kommenden Woche über die nächsten Schritte entscheidet. Denkbar sei, dass sie der Selbstverwaltung eine neue Frist setzt, ihr aber inhaltliche Auflagen für eine Lösung macht.

Krankenkassen, Ärzte und Apotheker machten sich gestern gegenseitig für das Scheitern verantwortlich. Wichtige Materialien seien erst kurz vor der Sitzung vorgelegt worden. „Sorgfalt geht vor Schnelligkeit“, wehrten sich die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gegen die Kritik. „Das ist richtig, aber leider verfährt die Selbstverwaltung nicht so. Der Bitkom hat immer einen engen Schulterschluss angeboten. Aber die Selbstverwaltung will am liebsten selbst aus alten Teilen ein Auto bauen und damit auf die Formel-1- Strecke“, sagte Praetorius.

„Eine phasenweise Einführung der Karte ab 2006 ist nach wie vor machbar“, sagt Michael Ihringer, Marketing-Direktor des Software- Unternehmens CEE InterSystems. Viele Branchenvertreter halten aber allenfalls den Start auf Basis bereits bestehender Pilotprojekte für realistisch. Eine Minister-Verordnung ist für sie die schlechtere Alternative. „Dann würde es eine Ausschreibung mit einem großen Gewinner geben und die Gefahr, dass sich das wiederholt, was wir bei der Maut gesehen haben“, sagte Ihringer.

Volker Paul vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation warnte vor einer einseitigen Ausrichtung der Karte. Er plädiert für ein Mischsystem, bei dem die Daten auf Servern und Karten gespeichert werden. „Mag ein elektronisches Rezept in einer Kartenvariante noch gut zu realisieren sein, die Bewegung ganzer Patientenakten ist fast unmöglich. Doch gerade hier gibt es im Gesundheitswesen das größte Optimierungspotenzial“, erläuterte er.

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