Gewerkschaft droht mit Streik
Mitarbeiter rebellieren gegen Umbau von Infineon

Chiphersteller Infineon droht ein heißer Herbst. Nachdem sich die Anzeichen für einen baldigen Verkauf des Speicherchip-Geschäfts und Werksschließungen mehren, rüsten die Beschäftigten zum Arbeitskampf.



MÜNCHEN. Der Vorstand des Münchener Halbleiterherstellers Infineon ist offenbar bereit, seine angeschlagene Speichersparte umgehend an einen Partner oder Käufer abzugeben, sollte er ein attraktives Angebot dafür erhalten. Dies verlautete gestern aus Aufsichtsratskreisen. Branchenkenner gehen davon aus, dass sich die frühere Siemens-Tochter spätestens 2006 von dem Verlustbringer trennen wird.

Der von Infineon-Chef Wolfgang Ziebart begonnene Konzernumbau sorgt bereits jetzt intern für viel Wirbel. Wegen der im Frühjahr angekündigten Schließung des Werks in München-Perlach denkt die Gewerkschaft an Streik: „Wir bereiten uns auf einen Arbeitskampf vor“, sagte gestern Michael Leppek von der IG Metall in München. Ziebart will die Fabrik in Perlach mit ihren 800 Arbeitsplätzen schließen, weil sie nicht mehr rentabel ist. Die IG Metall rechnet derweil schon mit weiteren Einschnitten. „Perlach ist wahrscheinlich erst der Anfang, auch die Fabrik in Regensburg kann sich nicht in Sicherheit wiegen“, sagte Leppek.

Analysten gehen davon aus, dass die ganz großen Einschnitte erst noch kommen werden. „Wir glauben, dass eine Abspaltung des Speichergeschäfts wahrscheinlich ist“, hieß es gestern in einer Analyse der Hypo-Vereinsbank. In Unternehmenskreisen wird schon länger erwogen, das stark schwankende und hoch defizitäre Geschäft so schnell wie möglich auf eigene Beine zu stellen. Eine Entscheidung sei bis jetzt aber nicht gefallen, sagte gestern eine Sprecherin.

Doch die Vorbereitungen laufen bereits und sorgen für Zündstoff unter den Beschäftigten. Denn um die Speichersparte für die Zukunft fit zu machen, sollen im wichtigen Werk Dresden die Kosten deutlich sinken, 470 Stellen sind in Gefahr. Die Mitarbeiter haben bereits ihren Widerstand gegen die Einsparungen angekündigt. In Unternehmenskreisen heißt es, Infineon stelle sich deshalb auf einen heißen Herbst und weitere Angriffe der IG Metall ein.

Mit der Abspaltung der Speicherchips würde Infineon rund 40 Prozent seines Umsatzes verlieren und sich damit aus der Reihe der weltweit zehn größten Halbleiterunternehmen verabschieden. Allerdings wäre der Konzern auch seinen größten Verlustbringer los. Gleichzeitig könnten sich die Münchener auf ausgewählte, lukrative Bereiche konzentrieren, in denen sie eine führende Position einnehmen.

Das gilt insbesondere für das profitable Geschäft mit Chips für die Automobilindustrie. Hier liegt Infineon nach Angaben von Strategy Analytics weltweit auf Rang zwei hinter dem US-Konzern Freescale, in Europa rangiert das Unternehmen sogar auf Platz eins. Im Geschäft mit Leistungshalbleitern für die Industrie sind die Bayern ebenfalls ganz vorne.

Darüber hinaus ist Infineon der mit Abstand größte Anbieter von Halbleitern für Sicherheits- und Chipkarten. Nach Berechnungen der Analysten von Gartner ist der Marktanteil mit 38 Prozent fast drei Mal so hoch wie der des zweitgrößten Wettbewerbers ST Microelectronics. Allerdings sind die Preise in diesem Bereich stark unter Druck, so dass Infineon hier momentan Geld verliert.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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