Gläserner Konsument
Sie sind durchschaut!

Die Verbraucher werden gläsern: Riesige Datenmengen erlauben Unternehmen in die Köpfe und Bäuche ihrer Kunden zu schauen. Marketingexperten beten das „Data unser“, Verbraucherschützer warnen vor Gefahren.
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DüsseldorfDer amerikanische Discounter Target weiß, wenn seine Kundinnen schwanger sind. Auch ohne dass sie es verraten. Ihre Einkäufe offenbaren in Verbindung mit einer Kundenkarte ausreichend intime Details. Eine Frau gibt auf einmal Geld für Kalzium, Magnesium und Zink aus? Oder sie verzichtet plötzlich auf parfümierte Seife und Bodylotion, legt dafür aber Hände-Desinfektionsmittel in den Einkaufwagen?

Mit Hilfe seiner ausgeklügelten Verhaltensforschung kann sich die Supermarkt-Kette dann ausrechnen, dass die Kundin wahrscheinlich bald ein Kind bekommt – und ihr passende Gutscheine schicken. „Sobald wir sie dazu bringen, bei uns Windeln zu kaufen, kaufen sie auch alles andere bei uns“, sagte ein Mitarbeiter der Firma der New York Times und gab damit einen bemerkenswerten Einblick, bevor seine Firma ihm einen Maulkorb verpasste.

Target steht für einen Trend: Unternehmen sammeln alle irgendwie erhältlichen Informationen über ihre Kunden und können dank elektronischer Datenauswertung genauer denn je erforschen, was in den Köpfen und Bäuchen der Verbraucher vorgeht. „Die Ära der Intuition ist vorbei“, meint der Roland-Berger-Berater Björn Bloching in seinem Buch „Data Unser“ (Redline 2012 / mit Lars Luck und Thomas Ramge). Das erste Mal in der Geschichte sei es möglich, die Vorlieben der Kunden ohne klassische Marktforschung kennen zu lernen. Die Algorithmen übernehmen – wenn sie dürfen.

„Big Data ist das neue Buzzword“, sagt der Marketing-Experte Stephan Horvath von der Agentur Draftfcb. Auch wenn der Hype darum vielleicht übertrieben ist: Die Auswertung und Verknüpfung großer Datenmengen könne ein Wettbewerbsvorteil sein, betont der Agentur-Direktor, der für den Bereich „Customer Intelligence“ verantwortlich ist. Etwa wenn Firmen wie Target genau wissen, was der Kunde gerade braucht. Oder wenn sie herausfinden, welche Käufer welchen Preis zu zahlen bereit sind.

Zwei Entwicklungen helfen ihnen dabei. Erstens wächst die Informationsmenge rasant: „Unser Alltag wird digitalisiert, wie es nie zuvor der Fall war. Alles, was wir tun, wird in Daten gespiegelt“, sagt Jeanette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Welche Produkte sucht der Kunde im Internet? Wo ist er mit seinem Smartphone unterwegs? Worüber plaudert er bei Facebook? Welche Einkäufe, ob online oder im Geschäft, bezahlt er mit der Kreditkarte?

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  • Gedanken Klau,Ideen Klau,Industrie Spionage,Wahlgeheimnis Statistik wer wem gewählt hat,es wird immer besser.

  • Dem Angebot an marken- und werbelosen Artikeln haben die Werber eine düstere Zukunft prophezeit. Und sie lagen falsch. Das Angebot ist stetig gestiegen. Den Besserverdienenden sind sie zu Symbolen demonstrativer Vernunft geworden.

    Nach all den Lebensmittelskandalen sickerte auch die Aufklärung ins Bewußtsein, daß die Vielfalt der Artikel eine Illusion ist, weil sie auf gespaltenem Mais und Soja basieren.

    Zudem hat sich Bio breitgemacht. Wo sich Inhaltstoffe nicht entziffern lassen, werden sie zurück gestellt ins Regal.

    Und längst greift der Verbraucher beherzt zu regionalen Produkten, oder plaudert auf den Gemüsemärkten mit den Bauern; die nämlich erleben einen regelrechten Boom.

    Die Daten beschränken sich vor allem wohl auf Personen, die ihre Einkaufswagen mit Süssigkeiten vollhauhen.

    Außerdem ist das eine Unverschämtheit, daß Einkaufszentren personenbezogene Daten auswerten.
    Wenn Kassierer nach der Postleitzahl fragen wie der Amtsmann, dann überlegr sich sicher so mancher, dem Laden den Rücken zu kehren. Denn das gefühl von Überrumpelung stellt sich gleich nach der Antwort ein.

    Probierstände in den Markthallen sind reine Robinsoninseln. Da verritt sich auch keiner mehr hin.

    Und schließlich signalisiert auch AdBlock, daß die Aggressivität der Werber nur noch nervt.

    Summa summarum ist die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik mit ihrer Schnüffelpraxis ein Alptraum. Der abgestellt werden sollte.

  • Bei Google mal nach folgendem Suchen:
    "ad preferences manager" - erster oder zweiter treffer

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