
PEKING/NEW YORK. Herr Zhang (Name geändert) startet aufgeregt in den Tag. Es ist Dienstag früh in Peking, der chinesische Jungunternehmer schaltet den Fernseher für die Morgennachrichten ein. Der Internetkonzern Google, vermeldet der Sender, ziehe sich aus China zurück. Zhang bangt: „Was, wenn unser Business nicht mehr zu finden ist?“ Bisher war der Immobilienvermittler die Nummer zwei unter den Suchergebnissen. „So haben wir unsere Kunden an Land gezogen“, sagt der 25-Jährige. „Wenn man mit Amerikanern und Europäern Geschäfte macht, ist Sichtbarkeit bei Google enorm wichtig.“
Seit gestern ist diese Sichtbarkeit bedroht. Zhang könnte eines der ersten Opfer im Krieg der beiden neuen Supermächte sein. Der Internetkonzern Google inszeniert sich jetzt offen als Kämpfer gegen die Volksrepublik China.
Am späten Montagabend hat das Unternehmen in dieser Schlacht zu einem neuen Schlag ausgeholt. Die Kalifornier haben ihre Androhung wahrgemacht und die Selbstzensur ihrer chinesischen Internetseite beendet. „Wir glauben, dass dieser neue Weg eine sinnvolle Lösung der Herausforderungen ist, die wir erfahren haben – er wird den Informationszugang der chinesischen Bevölkerung bedeutsam erhöhen“, kommentiert Googles Chef-Justiziar David Drummond den Schritt.
Damit attackieren die Bits- und Bytes-Zauberer aus dem Silicon Valley die chinesische Regierung. Mit unabsehbaren Folgen. Es ist nicht nur der öffentlichkeitswirksame Kampf eines Konzerns gegen eine Regierung. Es ist der Kampf Freiheit gegen Zensur, Weltoffenheit gegen Abschottung. Er wird entscheiden, welche Werte die digitale Gesellschaft des 21. Jahrhundert prägen werden.
So fielen gestern auch die ersten Reaktionen auf Googles Schritt aus. Das Weiße Haus zeigte sich „enttäuscht“ darüber, dass Google keinen Kompromiss mit China finden konnte. „Wir haben unsere Bedenken zu der Angelegenheit direkt bei der chinesischen Regierung vorgetragen“, sagte ein Sprecher des National Security Councils. Das Thema hatte in der Vergangenheit bereits für Spannungen gesorgt. Sowohl US-Präsident Barack Obama als auch Außenministerin Hillary Clinton haben sich hinter den Suchmaschinen-Konzern gestellt.
Weniger gelassen war die andere Seite. Das offizielle China schäumte, drohte der Suchmaschine mit einer Verbannung aus dem chinesischen Markt.