Google will helfen
Wie der Hauptmann von Köpenick

Kaum eine Stadt in den USA hat mehr Obdachlose als San Francisco, die Stadt der Gegensätze. Google hat sich nun vorgenommen, auf seine Art etwas für die Menschen ohne festen Wohnsitz zu tun: mit dem Projekt „Homeless Connect“, das jedem einen Telefonanschluss mit Anrufbeantworter finanziert.

DÜSSELDORF. Zu Zeiten des Hauptmanns von Köpenick galt: Kein Pass, keine Arbeit. Keine Arbeit, keine Wohnung. Keine Wohnung, kein Pass. Deshalb besetzte der heimatlose Schneider 1906 in Phantasieuniform und mit einer Truppe kurzerhand „geliehener“ Soldaten das Rathaus von Köpenick. Er brauchte einen Pass. Heute wird der Dreisatz der Armut so dekliniert: Keine Wohnung, kein Telefon. Kein Telefon, kein Anrufbeantworter. Kein Anrufbeantworter, keiner ruft zurück. Auch keine Zeitarbeitsfirma, die mit einem schnellen Job das Geld für die Schlafstelle hätte sichern und vielleicht sogar den Weg zurück in die Normalität hätte ebnen könnte. Köpenick 2.0.

Google will helfen, den Teufelskreis der kommunikativen Isolation zu durchbrechen. Zusammen mit dem Projekt „Homeless Connect“ finanziert der Internetkonzern Obdachlosen in San Francisco lebenslange Telefonnummern mit Anrufbeantworterfunktion. Keine speziellen Nummern, die Insider sofort als Sozialhilfe-Telefon erkennen. Keine seelenlose 0800-Nummer vom Amt, nicht die in Personalerkreisen längst bekannte Sammelnummer der Notschlafunterkunft. Eine ganz normale Ortsvorwahl, so wie sie Jane und Joe Average in ihrem Häuschen am Rande der Stadt haben. Es gebe „keinerlei Hinweise, dass dieser Anschluss anders ist als andere“, betont Google. Die Begrüßungsmitteilung spricht der Besitzer selber.

Kaum eine Stadt in den USA hat mehr Obdachlose als San Francisco, die Stadt der Gegensätze. Technikjünger auf dem Weg zum nahen Apple-Store eilen auf der Geary Street mit dem iPhone am Ohr an zerlumpten Gestalten vorbei, die vor dem Starbucks um einen Dollar betteln. Schräg gegenüber vor dem mondänen Clift-Hotel steigen Gäste aus ihrem Porsche. Alltag in der Blumenkinderstadt, in der seit dem Internet-Boom die Mietpreise längst die von New York überholt haben. Obdachlosigkeit ist für Geringverdiener eine alltägliche Bedrohung und zumindest zeitweise auch mal Realität.

Im digitalen Zeitalter des Web 2.0, einen Steinwurf entfernt vom Silicon Valley, wo Verbindung alles und Isoliertheit nichts ist, wird der unausweichlich eintretende Verlust der grundlegenden Kommunikationsmittel als fast so schlimm empfunden wie der Verlust der Wohnung selber. Abgeklemmt sein vom bisherigen Leben, real und digital – eine beängstigende Vorstellung für die Generation Myspace, die schon Entzugserscheinungen bekommt, wenn die Google-Suchseite mal für fünf Minuten nicht erreichbar ist.

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