Die Verlage in Deutschland stellen sich wieder auf den Konkurrenzkampf mit einer überregionalen kostenlosen Tageszeitung ein. Die bisher letzte Gratiszeitung hierzulande war vor sieben Jahren in Köln am Widerstand der etablierten regionalen Verlage gescheitert. Medienkonzerne haben bereits Abwehrpläne in der Schublade.
DÜSSELDORF/ZÜRICH. „Es ist jetzt nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann der nächste Versuch einer Gratiszeitung in Deutschland gestartet wird“, sagte ein an diesen Projekten beteiligter Verleger dem Handelsblatt. Auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) rechnet mit einem neuen Angriff. „Endgültig ist das Thema Gratiszeitungen nicht erledigt“, sagte eine BDZV-Sprecherin. „Der deutsche Zeitungsmarkt ist so attraktiv, dass er Investoren aus dem Ausland zwangsläufig anlockt.“
Die Zeitungsunternehmen in Deutschland sind auf eine neue Attacke vorbereitet. Konstantin Neven DuMont, Geschäftsführer des Medienkonzerns DuMont Schauberg („Frankfurter Rundschau“, „Kölner Stadtanzeiger“), sagte dem Handelsblatt: „Mittelfristig werden Gratiszeitungen in Deutschland wohl nicht zu verhindern sein. Daher haben wir uns gemeinsam mit anderen Verlagen auf den Start von Kostenlos-Blättern vorbereitet.
„Wir haben Abwehrpläne in der Schublade“, sagt auch eine Sprecherin des Medienkonzerns Axel Springer. „Wir können innerhalb von wenigen Tagen mit einer eigenen Gratiszeitung kontern“. Das sei sowohl redaktionell als auch vertrieblich kein Problem. Zudem verfügt Springer über eigene Zeitungsdruckereien und ist somit unabhängig von Dienstleistern. Zu Springer gehört Europas größte Tageszeitung „Bild“. Der Gewinnbringer des Konzerns wäre bei einem Angriff von Gratiszeitungen am stärksten betroffen. „Jeder Tag ohne Gratiszeitung ist ein guter Tag“, heißt daher die Devise in der Berliner Konzernzentrale. Auch der Essener WAZ-Konzern und der Kölner Verlag DuMont Schauberg haben Pläne für Abwehrmaßnahmen in der Schublade. „Sollte in einem der Verbreitungsgebiete der Partnerverlage eine Gratiszeitung erscheinen, so können wir jederzeit darauf reagieren“, sagte Konstantin Neven DuMont. DuMont verlegt das Boulevardblatt „Express“ im Rheinland. Vor Jahren hatten Springer und DuMont im so genannten Kölner Zeitungskrieg einer Gratiszeitung des norwegischen Schibsted-Verlags den Garaus gemacht. WAZ-Chef Bodo Hombach warnt seit langem vor Gratiszeitungen in Deutschland. „Der Geschenkt-Journalismus wird Köpfe und Papierkörbe verstopfen“, sagte der Zeitungsmanager zuletzt.
Die deutschen Verlage beobachten die Entwicklungen von Gratisblättern im Ausland mit Sorge, insbesondere in der Schweiz. Der eidgenössische Zeitungsmarkt ist durch die Einführung zahlreicher Gratiszeitungen in Bewegung geraten. Im vergangenen Monat haben die Basler und die Berner Zeitung sowie der in Zürich erscheinende Tagesanzeiger zudem angekündigt, noch in diesem Jahr eine weitere Gratiszeitung unter dem Namen „News“ mit einer Auflage von 330 000 Exemplaren starten zu wollen. Herausgeber wird eine dazu gegründete Aktiengesellschaft namens News Print. Bei der dürfte die Tamedia-Gruppe, die unter anderem den „Tagesanzeiger“ herausgibt, den Ton angeben. Tamedia ist auch Herausgeber der bislang erfolgreichsten deutschsprachigen Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“, die der Schweizer Verlag im Jahr 2005 komplett von der norwegischen Schibsted Gruppe übernommen hat.
„News“ dürfte die Antwort von Tamedia auf die Schweizer Gratiszeitung „.ch" sein. Das Blatt ist Mitte September von einem Investorenkreis schweizerischer und österreichischer Investoren lanciert worden und wird seitdem morgens direkt an die Haustür und an die Bahnhöfe geliefert.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Umsatzeinbußen beim Schweizer-Boulevardblatt „Blick“.
Alle diese Gratisblätter wildern mehr oder weniger im Revier des größten Schweizer Boulevardblatts „Blick“, das deswegen für Herausgeber Ringier zum Sorgenkind geworden ist. Der Umsatz der Bereich Zeitungen bei Ringier, in dem sich die „Blick“-Zahlen verbergen, büßte im vergangenen Jahr 3,6 Prozent ein. Ringier reagiert mit bislang zwei eigenen Gratiszeitungen auf diese Entwicklung: „Heute" ist ein Blatt, das nachmittags erscheint und in den Pendlerzügen verteilt wird. Anzeigen lassen sich in Kombination mit dem „Blick“ buchen. Das Gratisblatt entwickelt sich allerdings längst nicht so wie geplant. „Im Fall von ’Heute’ zeigt sich, dass es leichter ist, mit einer Gratiszeitung Leser zu finden als Inserenten. Die nicht einmal vier bezahlten Anzeigenseiten pro Gesamtausgabe reichen jedenfalls bei weitem nicht, um die Kosten zu decken“, sagt Ueli Cutser vom Media Trend Journal, einer Schweizer Medienfachzeitschrift. Erfolgreicher als „Heute“ ist das kostenlose Wirtschaftsblatt „Cash daily“, das Ringier seit seiner Entscheidung, die Kaufzeitung „Cash“ dichtzumachen, stärker in den Vordergrund stellt.
Zurückhaltender bei Gratiszeitungen agieren die österreichischen Verlage. Aber auch dort halten die kostenlosen Blätter Einzug: Vor rund einem Jahr lancierte die Fellner-Gruppe die Tageszeitung „Österreich“. Sie war als Kaufzeitung geplant, wird aber auch 13 Monate nach ihrem Marktantritt noch immer zu einem großen Teil verschenkt. Nach österreichischer Auflagenkontrolle wurden von dem im ersten Halbjahr durchschnittlich am Tag gedruckten 372 000 Exemplaren von „Österreich" nur gerade 162 000 auch verkauft. Verleger Wolfgang Fellner hält so die Auflage hoch und überrundet in einigen Regionen die bislang auflagenstärkste „Kronenzeitung“. Er riskiert allerdings Ärger mit jenen Abonnenten, die Geld für ein Produkt bezahlen, dass andere in ähnlicher Form umsonst erhalten.

