Größter britischer Privatsender
Kampf um ITV wird zur Seifenoper

Der britische Fernsehsender ITV wird zum Objekt eines erbitterten Übernahmekampfes. Das von Rupert Murdochs News Corp kontrollierte Pay-TV-Unternehmen BSkyB hat sich überraschend an ITV beteiligt. Damit wird es für den Kabelfernsehkonzern NTL schwer, den größten werbefinanzierten Fernsehsender des Landes zu kaufen. Als Käufer kommt BSkyB allerdings auch nicht in Frage.

LONDON. NTL-Großaktionär Richard Branson geißelte den Einstieg von BSkyB am Sonntag als wettbewerbsfeindlich. Er könnte allerdings der Bertelsmann-Tochter RTL Group zum Einstieg bei ITV verhelfen. ITV gilt seit Monaten als Übernahmekandidat. Die Sendergruppe um das Flaggschiff ITV1, den führenden privaten Fernsehsender Großbritanniens leidet unter sinkenden Zuschauerzahlen und Werbeeinnahmen. Die Digitalisierung des Fernsehens verteilt das Publikum auf viele Spartenkanäle und das Abo-Fernsehen spielt eine wesentlich größere Rolle als in Deutschland.

Im März gelang es ITV noch, einen Angriff von Finanzinvestoren abzuwehren. Doch als anschließend der Aktienkurs von 130 auf 94 Pence absackte, musste Vorstandschef Charles Allen seinen Hut nehmen. Seit August sucht das Unternehmen nun vergeblich einen Nachfolger.

Diese Situation nutzte NTL vor gut einer Woche, um ITV für Fusionsverhandlungen zu gewinnen. Der hoch verschuldete Konzern würde mit ITV mehr Inhalte wie Sport und populäre TV-Shows gewinnen. Doch der Großaktionär BSkyB werde eine Vollfusion der beiden Unternehmen verhindern, sagen Analysten. Auf jeden Fall würde er sie verteuern, denn BSkyB hat die Aktien zum Stückpreis von 135 Pence gekauft, während NTL Analysten zufolge gehofft hatte, für 125 Pence zum Zuge zu kommen.

„BSkyB blockiert jeden Versuch, einen starken Konkurrenten zu schaffen“, klagte Richard Branson am Sonntag. Der bekannte Unternehmer ist Großaktionär bei NTL, seit er seine Mobilfunkfirma Virgin Mobile dort eingebracht hat. Er forderte Politiker und Aufsichtsbehörden auf, gegen den „rücksichtslosen, zynischen Versuch vorzugehen, den Wettbewerb zu lähmen und schleichend die Kontrolle über die britischen Medien zu übernehmen“.

Seine Kritik richtet sich gegen die Murdoch-Familie. Rupert Murdochs News Corp ist mit 39,1 Prozent an BSkyB beteiligt; das Unternehmen wird von seinem Sohn James geführt. Außerdem gehören ihm die größte Boulevardzeitung „The Sun“, das größte Sonntagsblatt „News of the World“ und die Qualitätszeitungen „The Times“ und „The Sunday Times“. Um einen allzu dominierenden Einfluss auf die Meinungsbildung im Land zu verhindern, darf er höchstens 20 Prozent an ITV halten.

Als ITV-Käufer käme BSkyB also nicht in Frage, doch in Branchenkreisen wird spekuliert, dass die Murdochs RTL zum Kauf von ITV verhelfen könnten und im Gegenzug von der Luxemburger Bertelsmann-Tochter den kleineren Privatsender „Five“ bekämen. Den müsste RTL bei einem Kauf von ITV sowieso abgeben. Bertelsmann hat zwar derzeit kaum Spielraum für große Übernahmen, doch RTL hat sich laut „Financial Times“ mit Finanzinvestoren wie KKR zusammengetan, um ein Gebot für ITV vorzubereiten. RTL und KKR lehnten dazu jeden Kommentar ab.

ITV zeigte sich zu Gesprächen mit BSkyB offen. James Murdoch kündigte an, dem Sender Zeit für die Suche nach einem neuen Chef zu lassen und keinen Sitz im Board zu beanspruchen. BSkyB hat 940 Mill. Pfund (rund 1,4 Mrd. Euro) investiert.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%