Gruner + Jahr
Warten auf den weißen Elefanten

In Russland spielt der Medienkonzern Gruner + Jahr bisher eine peinlich bescheidene Nebenrolle: Der europaweite Marktführer ist hier nur die Nummer sieben. Doch nun bläst der Konzern in Russland zur Aufholjagd – und hofft auf eine übernahmefähige Zeitschriftengruppe.

MOSKAU. Die kleine, unscheinbare Seitenstraße in der Nähe des Weißen Hauses am Rande der Moskauer Innenstadt gilt als solide, sichere Gegend für Frauen. Ein paar dunkle Gestalten lungern dennoch vor dem Eingang eines nüchternen Bürogebäudes herum. Christina Eibl ignoriert sie. Über ein schäbiges Treppenhaus, dessen schmutziger Marmor vom Glanz einstiger Sowjet-Zeiten kündet, führt sie in ihr kleines Zeitschriftenreich im ersten Stock.

Mit ihrem wilden, schwarz gelockten Haar und ihrer grauen, einem Kampfanzug ähnlichen Kombination sieht Eibl aus wie eine Russin aus einer Modezeitschrift. Dabei kommt die 42-jährige aus Deutschland und ist erst seit gut einem Jahr hier – als Chefin von Gruner + Jahr. Einen Kampfanzug kann sie hier allerdings gut gebrauchen. Ihr Job bei der Zeitschriftentochter von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann ist ein Himmelfahrtskommando.

„In manchen Verlagen kommen die Angestellten gern auch erst mittags. Und es gibt Häuser, in denen beginnt dann das Wodka-Trinken. Wir haben beide Probleme nicht mehr“, erzählt die resolute Managerin. Von der Hamburger Zentrale mit entsprechender Macht ausgestattet, musste Eibl aber erst einmal mit eiserner Hand ausmisten. „Mit Herumdiskutieren“, sagt sie, „kommen sie hier nicht weiter.“

Mit Herumlungern aber auch nicht. Und genau das hat ihr Arbeitgeber, Herausgeber von Blättern wie „Geo“ und „Gala“, lange Zeit getan. Das Russland-Geschäft wurde weitestgehend verschlafen. Das soll jetzt anders werden. In China ist der Einstieg bereits gelungen, jetzt ist Russland dran. Auslandsvorstand Torsten-Jörg Klein tourt derzeit unermüdlich durch Osteuropa – auf der Suche nach einem weißen Elefanten.

Zeitschriftenmachen in Moskau ist kein Wellness-Urlaub. Davon können Eibl und ihre Truppe ein Lied singen. Mittlerweile sind zwar viele Arbeitskräfte ausgetauscht, die tristen Räume weiß gestrichen. Ein wenig Ikea-Harmonie. Doch noch immer geht es eng zu. Hinter vorgehaltener Hand klagt eine Chefredakteurin über die schlechten Raumverhältnisse. Bei Quadratmeterpreisen von 58 US-Dollar muss man bei Gruner + Jahr eben zusammenrücken.

Zumal das Russland-Geschäft für den Verlag von größter Bedeutung ist. Nach dem grandiosen Scheitern in den USA konzentriert sich Europas größter Zeitschriftenkonzern auf das neue Eldorado im Osten. Das hat gute Gründe: Der Anzeigenmarkt explodiert. Nach Angaben der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers wächst das Anzeigenvolumen nur für Zeitschriften jährlich um 16 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es noch 600 Millionen Euro, 2007 werden es 700 Millionen sein. Davon können sie in Deutschland nur träumen.

In Russland spielt Gruner + Jahr bisher eine peinlich bescheidene Nebenrolle. Der europaweite Marktführer ist hier nur die Nummer sieben. Im Reich von Präsident Wladimir Putin geben Independent Media, eine Tochter des finnischen Konzerns Sanoma, und der deutsche Medienkonzern Burda und sein französischer Konkurrent Hachette den Ton an.

Seite 1:

Warten auf den weißen Elefanten

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%