Handelsblatt-Interview
„Wir haben keine Angst vor der Krise“

Der Chef des weltgrößten Netzwerkausrüsters Cisco, John Chambers, kritisiert das kurzfristige Denken vieler Unternehmer, hält Übernahmen in der Technologie-Branche für unverzichtbar und glaubt, gestärkt aus einer Rezession in den USA hervorzugehen.

Handelsblatt: Herr Chambers, Sie sind Chef eines weltweit tätigen Konzerns. Wie viele Nächte verbringen Sie jedes Jahr im Hotel?

John Chambers: Wenn man die Wochenenden nicht mitzählt, ungefähr die Hälfte meiner Zeit. Aber Sie spielen mit der Frage sicher auf unser Videokonferenz-System Tele-Presence an, oder?

Na ja, Sie hätten das Thema doch sicherlich sowieso angesprochen. Schließlich werden Sie nicht müde, die Vorzüge zu preisen.

In der Tat konnten wir mit Tele-Presence unsere Reisekosten pro Mitarbeiter um ein Fünftel senken.

Und damit ihre finanziellen Ziele erreichen?

Die finanziellen Ziele stehen ganz am Ende. Es geht darum, dass wir jetzt schneller sind. Und es geht um Komfort. Im Übrigen muss ich gestehen, dass ich genau das nicht mache, was ich von meinen Mitarbeitern verlange. Ich halte zwar im Schnitt ein bis zwei Videokonferenzen pro Tag ab, aber statt nur noch die Hälfte zu reisen, fahre ich weiter um die Welt und führe die Videokonferenzen an den Orten, wo ich gerade bin.

Das System soll gerade auch für ärmere Länder interessant sein. Sind das die Märkte der Zukunft?

In der Tat, die rund drei Milliarden Menschen, die weniger als zwei Dollar pro Tag verdienen, können so am Wohlstand teilhaben. Es ist damit aber auch eine Herausforderung für die Industrienationen. Denn wenn diese Länder zu uns aufschließen, werden sie sehr schnell mit völlig neuen Geschäftsmodellen kommen. Wir sehen derzeit viel mehr Kreativität in den Schwellenländern als in den etablierten Märkten.

Das klingt für uns nicht gerade positiv. Wie können wir die Herausforderung meistern?

Ebenfalls mit der richtigen Technologie. Als wir uns 1996 hinstellten und sagten, dass wir durch neue Technologien jedes Jahr drei bis fünf Prozent produktiver werden, hat uns das keiner abgenommen. Aber es hat funktioniert. In den letzten Jahren ist dieser Wert allerdings wieder gesunken, weil die Innovationen gefehlt haben.

Wo holen Sie die künftig her?

Indem wir zum Beispiel Start-ups begleiten und fördern, ohne zu wissen, ob sie erfolgreich sind oder scheitern. Man muss zudem in der Lage sein, Innovationen zu kaufen – durch Übernahmen. 90 Prozent aller Akquisitionen weltweit scheitern. Die meisten unserer Zukäufe waren dagegen erfolgreich.

Auf das, was Ihre Konkurrenten machen, schauen Sie dabei nicht?

Es mag Sie überraschen, aber ich kümmere mich nicht darum, was unsere Wettbewerber so treiben. Das ist in meinen Augen nicht der richtige Weg, um erfolgreich zu sein.

Kann sich ein börsennotiertes Unternehmen diese Ignoranz leisten, wenn die Investoren und Analysten genau auf jenen Wettbewerb schauen?

Wenn man sich nur nach den Quartalen an der Börse richtet, dann steckt man ruckzuck in Schwierigkeiten. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, zahlen sich in drei, vielleicht auch erst in fünf Jahren aus.

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