Handyhersteller
Nokia macht Verlust fast in Milliardenhöhe

Der weltgrößte Hersteller von Mobiltelefonen, Nokia, hat im dritten Quartal überraschend einen Verlust von fast einer Milliarde Euro eingefahren. Auch der Umsatz des erfolgsverwöhnten Konzerns ist gewaltig gesunken. Die schlechten Nachrichten der Finnen dürften auch Siemens Sorge bereiten.

STOCKHOLM. Erstmals seit 16 Jahren muss der Handy-Weltmarktführer Nokia einen Quartalsverlust hinnehmen. Der finnische Konzern wies im dritten Quartal dieses Jahres ein Minus von 426 Mio. Euro aus. Vor einem Jahr hatte Nokia noch einen Gewinn von 1,5 Mrd. Euro erwirtschaftet. Grund für die überraschenden roten Zahlen sind Abschreibungen, die der Konzern auf den Netzausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) vorgenommen hat.

Nokia reduzierte den Wert seiner Beteiligung an dem zusammen mit Siemens geführten Unternehmen um 908 Mio. Euro. Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo nannte als Grund für die unerwartet hohe Abschreibung die harte Konkurrenzsituation im Netzgeschäft. Tatsächlich leidet das Joint Venture unter dem Preisdruck, der hauptsächlich von den chinesischen Konkurrenten Huawei und ZTE ausgeübt wird. Auch Marktführer Ericsson leidet darunter und will bei seinen Zulieferern drastische Preissenkungen durchboxen.

Der Umsatz von NSN brach im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent auf 2,8 Mrd. Euro ein – und ein Ende der Talfahrt scheint noch nicht in Sicht: Kallasvuo revidierte seine frühere Prognose, dass der NSN-Marktanteil bei Mobilfunknetzen „stärker fallen wird als zuvor angenommen“. Da Nokia gleichzeitig davon ausgeht, dass der Gesamtmarkt statt der bisher angenommenen zehn Prozent nur um fünf Prozent in diesem Jahren sinken wird, verliert NSN also weiter Boden im Vergleich zur Konkurrenz.

Kallasvuo trat aber Spekulationen entgegen, dass Nokia seine Beteiligung an dem Gemeinschaftsunternehmen abstoßen könnte. „Wir werden Nokia Siemens Networks bei den Bemühungen weiter unterstützen, wieder erfolgreich zu arbeiten“, sagte er am Hauptsitz des Konzerns in Espoo.

Auch dem Partner Siemens könnte die Geduld mit dem Joint Venture demnächst ausgehen: Wegen der hohen Nokia-Abschreibungen kommt möglicherweise auch auf den Münchener Konzern, der mit 50 Prozent an NSN beteiligt ist, eine hohe Belastung zu. Siemens wollte sich dazu am Donnerstag nicht äußern. Ein Sprecher verwies aber auf eine Erklärung von Finanzvorstand Joe Kaeser, der vor einem Monat bestätigt hatte, dass man sich den Wert des Anteils sehr genau anschaue. Näheres wird der Konzern voraussichtlich bei der Bilanzvorlage am 3. Dezember bekanntgeben.

Nokia leidet aber nicht nur unter der Netzwerksparte. Auch bei dem Kerngeschäft mit den Handys mussten die Finnen Rückschläge einstecken: Zwar konnte Nokia seinen Weltmarktanteil von 38 Prozent halten; der Anteil bei den hochpreisigen Smartphones fiel aber von 41 Prozent im zweiten Quartal 2009 auf jetzt 35 Prozent. Der Konzern machte dafür unter anderem Lieferengpässe bei Bauteilen verantwortlich. „Sonst hätten wir mehr Geräte verkauft“, sagte Kallasvuo. Experten sehen jedoch auch die starke Konkurrenz durch Apples iPhone, den Blackberry von RIM und die rasch steigende Zahl von Handys mit dem Google-Betriebssystem Android als Grund für verlorene Marktanteile.

Trotz der Enttäuschung über die Nokia-Zahlen, die den Aktienkurs zwischenzeitlich um rund acht Prozent nach unten drückten, gab es für den Branchenprimus auch Lichtblicke: So konnte Nokia seine Position auf dem europäischen Handymarkt ausbauen. Gleichzeitig hob Nokia seine Marktprognose für dieses Jahr an: Bislang waren die Finnen von einem Rückgang um zehn Prozent ausgegangen, nun rechnen sie mit einem Minus von nur noch sieben Prozent. „Ich wundere mich, dass die Aktie so stark eingebrochen ist“, sagte Greger Johansson, Chefanalyst beim Marktforschungsunternehmen Redeye. Er verwies auf die insgesamt 108,5 Mio. ausgelieferten Nokia-Handys. Das sei „nur“ ein Rückgang von acht Prozent und damit weniger als befürchtet.

Während Nokia alles daran setzt, den Vorsprung von Apple & Co durch Übernahmen zahlreicher Internet-Unternehmen wieder aufzuholen, kämpft Konkurrent Sony Ericsson ums Überleben. Das japanisch-schwedische Gemeinschaftsunternehmen ist nach Nokia, Samsung, LG und Motorola nur noch die Nummer fünf. Die Erwartungen an die Quartalszahlen, die Sony Ericsson am Freitag vorlegt, sind niedrig. Analysten rechnen mit einem unveränderten Marktanteil von etwa 5,2 Prozent und weiterhin roten Zahlen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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