Hauptversammlung von Rocket Internet Wenn Herr Samwer seriös wird

Oliver Samwer sieht sich gern als „aggressivster Mann des Internets“. Auch bei der ersten Hauptversammlung von Rocket Internet denkt er groß. Doch nicht nur beim Vortragsraum klaffen Anspruch und Realität auseinander.
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„Auch wenn wir aus dem kleinen Berlin kommen, haben wir eine große Vision“ Quelle: dpa
Oliver Samwer

„Auch wenn wir aus dem kleinen Berlin kommen, haben wir eine große Vision“

(Foto: dpa)

BerlinRocket Internet denkt gerne groß. Doch seine Hauptversammlung hat der Berliner Start-up-Inkubator offenbar etwas zu klein bemessen: In dem Vortragsraum in der Event-Passage in der Nähe des Berliner Zoos sind die etwa 100 Sitze schnell gefüllt. Und obwohl das Presseteam schnell Nachschub an Stühlen besorgt, müssen einige Anleger stehen.

„Vielleicht sollten Sie den Raum nächstes Mal etwas erweitern“, sagt Malte Diesselhorst, Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), und schmunzelt. Auch Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger bemängelt, man hätte ruhig etwas flexibler reagieren und den Nebenraum hinzunehmen können.

Klein denken, dafür steht Rocket Internet sonst nicht. Und abgesehen von dem Veranstaltungsraum macht der Start-up-Inkubator dies auch auf seiner ersten Hauptversammlung nicht. „Wir möchten die größte Internetplattform der Welt werden“, sagt Geschäftsführer Oliver Samwer gleich zu Beginn seines Vortrags. Ein Satz, den der Rocket-Chef schon seit Jahren predigt. Die digitalen Weltherrschaftsansprüche des „aggressivsten Mann des Internets“, wie sich Samwer einmal selbst in einer E-Mail bezeichnete, schimmern an diesem Morgen deutlich durch. „Auch wenn wir aus dem kleinen Berlin kommen, haben wir eine große Vision“, sagt der Rocket-Chef.

Die Hauptversammlung erinnert an eine Marketingshow. „Das Schöne ist: Konsum endet nie“, sagt Samwer. Der Bedarf an Dienstleistungen wie denen von Rocket Internet wachse stetig: Mode, Essen, Bezahlen. Statt auf die Unternehmenszahlen konzentriert er sich lieber darauf, wie sein Konzern wachsen will – und erzählt dazu erst einmal Anekdote, die er den „Friseurtest“ nennt.

Und die geht so: Wenn er zu einem Haareschneider gehe, schaue er sich die Apps auf dem Smartphone an, erzählt Samwer. Der letzte habe nur vier Apps auf seinem Bildschirm gehabt: Amazon, Zalando, MyTaxi, Lieferheld. Damit habe der Friseur alle wichtigen Bereiche abgedeckt. Ein Anleger kommentiert: „Ein eingeschränktes Leben.“ Samwer wiederholt die Worte und lächelt, lässt sich aber nicht ablenken.

Das große Reich der Rocket-Brüder
Börsengang von Rocket Internet
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Wenn es um Start-ups in Deutschland geht, dann hat Rocket Internet meist irgendwie die Finger mit drin – gerade, wenn es um neue Onlineportale geht. In seinem aktuellen Buch über die Samwer-Brüder „Die Paten des Internets“ schreibt der „Gründerszene“-Chefredakteur Joel Kaczmarek: „Der Themenkomplex Samwer ist durch deren unternehmerische Vision und die damit verbundene inhaltliche Brisanz nicht nur spannend und kontrovers, sondern auch mysteriös.“ In der Tat sind die zahlreichen Gründungen und Beteiligungen der drei Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer sowohl umfangreich als auch kaum zu durchschauen.

Das liegt nicht nur daran, dass die Samwers neben Rocket Internet auch noch mit dem Global Founders Fund (früher European Founders Fund) und Global Founders Capital ihr Geld in Start-ups stecken. Ein weiterer Grund ist, dass die Samwers in alle nur möglichen Ideen investieren oder investiert haben – von Mode über Altenpflege bis hin zu Fahrrädern. Doch längst nicht mit jeder Idee starten die Samwers durch. Handelsblatt Online hat exemplarisch ein paar Erfolge und Misserfolge aus der Konzernkollektion der Start-ups gesammelt.

Das Bild zeigt Rocket-Geschäftsführer Oliver Samwer (Mitte) beim Börsengang der Start-up-Schmiede Rocket Internet.

Samwer-Tops: Lieferheld
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Lieferheld, oder „Delivery Hero“ – wie das internationale Netzwerk der Essenlieferservice-Kette genannt wird – gehört zu den „proven winners“ des Rocket-Internet-Imperiums. Es sind Gewinner, die es also bewiesen haben. Delivery Hero kaufte im Mai 2015 den türkischen Konkurrenten und Marktführer Yemeksepeti für 589 Millionen US-Dollar. Wohl auch dafür hatte Rocket Internet frische 61.3 Millionen Euro in den Essenslieferservice investiert. Aktuell hält Rocket Internet 40 Prozent der Lieferheld-Aktien.

Hello Fresh
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Mit Hello Fresh wollen die Samwer-Brüder der steigenden Nachfrage aus Europa und den USA nach gesundem Essen, das sich zu Hause zubereiten lässt, begegnen. Das Unternehmen hat sich stark entwickelt, die Nettoerlöse stiegen 2014 um 380 Prozent auf 70 Millionen Euro. Der Zuwachs stützt sich – nach eigenen Angaben – vor allem auf den Markteintritt in den USA.

Global Fashion Group
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Rocket Internet bezeichnet als einen seiner Meilensteine 2014 die Gründung der Global Fashion Group (der weltweiten Modegruppe). Fünf führende Online-Händler für Mode aus Schwellenländer wurden hier fusioniert, darunter der brasilianische Shop Dafiti. Gemessen am Nettoerlös ist Dafiti in 2014 um 41 Prozent auf umgerechnet rund 173 Millionen Euro gewachsen, die Bruttomarge stieg ebenfalls um 38 Prozent.

Westwing
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Auch im Bereich Einrichtung („Home & Living“) kann Rocket Internet punkten. Der Nettoerlös des Online-Einrichtungs-Shops Westwing zum Beispiel ist 2014 nach Unternehmensangaben um 66 Prozent auf 183 Million Euro gestiegen. Bis Ende 2014 hatten 1,2 Millionen Kunden auf Westwing eingekauft.

Home24
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Home 24 hat seine starke Marktpräsenz noch einmal ausgebaut. Der Nettoerlös lag 2014 73 Prozent höher als im Vorjahr, bei rund 160 Millionen Euro. Bis Ende 2014 betrug die Zahl der Kunden 1,4 Millionen.

Betreut.de
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Nach dem Vorbild von Care.com, einem Portal aus den USA, haben die Samwers 2007 den Pflegedienstvermittler Betreut.de an den Start gebracht. Die Webseite bietet eine Plattform, um Pfleger und ältere sowie hilfebedürftige Menschen zusammenzubringen. Für Rocket Internet sollte sich die Gründung bezahlt machen: 2012 verkündete Care.com, seine deutsche Kopie zu übernehmen. Diese Exit-Strategie ist für die Samwers kein ungewöhnlicher Schachzug. Sie funktionierte nicht nur bei Groupon, sondern auch schon bei dem Ebay-Klon Alando, dem ersten großen Erfolg der Brüder. Alando wurde genau wie später Betreut.de oder auch Citydeal vom US-Vorbild gekauft.

Der Unternehmenschef schwärmt von den Researchern von Rocket Internet, die seinen Angaben nach nichts anderes machen, als herauszufinden, was den Konsumenten in aller Welt gefalle. Er schwärmt von den Wachstumstreibern: der Expansion in neue Länder, den ständig neuen Geschäftsmodellen – „jedes Jahr kommen zehn Unternehmen hinzu“. Und er schwärmt von der Rocket-IT und davon, wie die Systeme von Zalando, Zalora oder Lamoda einander gleichen. „Bestimmte Dienste sind nur möglich, weil wir schon ein Netzwerk haben“, erklärt Samwer. Rocket könne nur deshalb so erfolgreich sein.

Trotzdem bemüht sich der Rocket-Chef an diesem Dienstag nicht nur mit seiner Kleidung – Anzug, blaues Hemd, blaue Krawatte – um Seriosität. Der Geschäftsführer des Start-up-Inkubators Rocket Internet hält seinen Vortrag mit ruhiger Stimme, erzählt von den Anfängen seines Unternehmens. Er wirkt von seiner Ausdrucksweise und Gestik zurückhaltend.

Anlegerschützer bemängeln Intransparenz
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