Heimische Alfa-Gruppe will sich Vorherrschaft gegen westliche Konzerne sichern
Kampf um Russlands Mobilfunkmarkt

Starke Umsatz- und Gewinnzuwächse bei den russischen Mobilfunkgesellschaften wecken Begehrlichkeiten. Der Kampf zwischen den Unternehmenseignern wird daher mit härteren Bandagen geführt – Polizei-Razzien, Klagen vor internationalen Gerichten und massive Verkaufsdrohungen gehören neuerdings dazu.

mbr/slo MOSKAU/DÜSSELDORF. Russland ist der nach China am stärksten wachsende Mobilfunkmarkt weltweit. 2004 setzte die Branche nach Angaben der Beratungsgesellschaft iKS-Consulting 7,9 Mrd. Dollar und damit 60 Prozent mehr um als im Jahr zuvor.

Der größte Mobilfunknetzbetreiber Osteuropas, Mobile Telesystems (MTS), hat 31,65 Millionen Kunden in Russland, der Ukraine, Weißrussland und Usbekistan. MTS wird von dem Moskauer Mischkonzern AFK Sistema kontrolliert. Die Deutsche Telekom, die vor einigen Jahren fast 50 Prozent an dem Unternehmen hielt, besitzt nur noch zehn Prozent. AFK Sistema will auch diesen Anteil kaufen, wie Konzernchef Wladimir Jewtuschenkow gestern sagte. Offiziell wollte sich die Telekom nicht zu Verkaufsabsichten äußern. Nach Informationen aus Konzernkreisen ist aber Ende des Jahres damit zu rechnen, dass die Telekom sich auch von ihrem MTS-Rest trennt. Vorher sei dies auf Grund einer Lock-Up-Klausel nicht möglich.

Sistema will sich zudem bei der Privatisierung des Festnetzanbieters Svyazinvest die Mehrheit sichern. Der Verkauf des Unternehmens stehe Ende dieses Jahr oder Anfang 2006 an, sagte der für Telekommunikation verantwortliche Minister Leonid Reiman gestern.

Die Nummer zwei auf dem russischen Mobilfunkmarkt, Vimpel Communications, zählt 30,6 Millionen Kunden. Die am stärksten wachsende Nummer drei, Megafon, kommt bisher auf 17,7 Millionen Abonnenten. An beiden Unternehmen ist die Moskauer Alfa-Gruppe des Industrie-Oligarchen Michail Friedman beteiligt – bei Vimpel hat sie das Sagen, bei Megafon eine Sperrminorität. Alfa will beide Netze zum größten Anbieter Osteuropas verschmelzen. Dagegen wehren sich die norwegische Telenor, die 26,6 Prozent an Vimpel hält und die skandinavische Telia Sonera mit ihrer 35,6-Prozent-Beteiligung an Megafon.

Den Norwegern sind zudem die Expansionspläne der Alfa-Gruppe für die Ukraine ein Dorn im Auge, und sie drohen inzwischen offen mit dem Ausstieg bei Vimpel, sollte sich Alfa damit durchsetzen: Die Industriegruppe will laut russischen Medienberichten erreichen, dass Vimpel sich in der Ukraine durch den Kauf des Netzbetreibers Well-Com niederlässt. Telenor ist aber Mehrheitsaktionär beim zweitgrößten ukrainischen Mobilfunker Kiewstar und will keine Konkurrenz. Der Kampf zwischen Skandinaviern und Alfa eskaliert inzwischen soweit, dass Friedman ein höheres Angebot für den türkischen Mobilfunker Turkcell abgegeben hat. Dort aber hat Telia Sonera eigentlich ein Vorkaufsrecht.

Noch komplizierter wird der Machtkampf, weil Telekommunikationsminister Reiman laut Moskauer Medien einen großen Anteil an Megafon hält und sich von Alfa auch für eine Mrd. Dollar nicht herauskaufen lassen will. Nach Ansicht von Marktbeobachtern missfällt es Reiman zudem, dass die Alfa-Gruppe an Megafon beteiligt ist. Daher sei der russische Investmentbanker Leonid Roschetzkin von der Staatsanwaltschaft mit einem Verfahren überzogen worden, heißt es in der Branche. Er hatte den Deal eingefädelt, der Alfa die Anteile einbrachte. Das Ganze sei für die westlichen Aktionäre derzeit schwierig, sagt ein Moskauer Analyst: „Sie geraten bei dem innerrussischen Kampf zwischen die Fronten. Trotz hervorragender Wachstumsperspektiven könnte sich das negativ auf russische Telekom-Aktien auswirken.“

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