Henri-Nannen-Preis

SZ-Journalisten nehmen Preis nicht an

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung hat sich am Freitagabend geweigert, den renommierten Henri-Nannen-Preis anzunehmen. Damit protestiert das Blatt gegen die gleichzeitige Würdigung der Bild-Zeitung.
Update: 12.05.2012 - 17:47 Uhr 12 Kommentare
Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch von der Bild-Zeitung. Quelle: dpa

Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch von der Bild-Zeitung.

(Foto: dpa)

Erneuter Eklat beim Henri-Nannen-Journalistenpreis: Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) haben die renommierte Auszeichnung am Freitagabend im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg abgelehnt. Sie wollten nicht gleichzeitig mit Autoren der „Bild“-Zeitung in der Kategorie „Beste investigative Leistung“ geehrt werden. Die Jury hatte sich für zwei Preisträger entschieden. Der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr und sein Magazin „Stern“ verliehen zum achten Mal die mit 35.000 Euro dotierten Preise in mehreren Kategorien. Sie erinnern an Henri Nannen (1913-1996), den Gründer der Illustrierten „Stern“.

Die Nominierung des Boulevardblatts „Bild“ war schon im Vorfeld umstritten. Erfolgreich war der Beitrag „Wirbel um Privatkredit - Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ (vom 13.12.2011) in der Affäre um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, der letztendlich zurücktrat. Das Stück haben die „Bild“-Autoren Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch recherchiert. „Genugtuung spielt keine Rolle“, sagte Harbusch bei der Ehrung.

Nach den beiden kamen die „SZ“-Journalisten auf die Bühne, die 2011 die „Formel-1-Affäre“ bei der BayernLB aufgedeckt hatten. Leyendecker zeigte sich gerührt: „So schön war es noch nie“, sagte der 63-Jährige rückblickend auf seine Karriere. Und dann brachte er die Erklärung, die das Publikum verstummen ließ. Leyendecker bezeichnete die Jury-Entscheidung als ein „Stückchen Kulturbruch“. Wenn die Jury meine, die „Bild“ habe den Preis verdient, respektiere er das. Er und seine Kollegen wollten sich jedoch nicht mit dem Boulevardblatt den Preis teilen. Leyendecker stellte allerdings klar, dass sich die Ablehnung nicht gegen die „Bild“-Kollegen richte.

Kritik kommt auch vom „Netzwerk Recherche“. Der Verein für investigativen Journalismus schreibt, der Jury „fehlt offenbar zum wiederholten Mal ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien.“ Bei der Wulff-Story handele es sich um einen erfolgreichen „Scoop“. „Investigativ arbeiten“ heiße aber nicht, eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren oder von anderen Medien möglichst oft zitiert zu werden. Das seien allenfalls Begleiterscheinungen. Investigativer Journalismus sei vor allem dadurch geprägt, dass er ein gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig verfolge, gegen Widerstände zu recherchiere, dabei neue Erkenntnisse gewinne und sie verständlich präsentiere.

Im Vorfeld der Preisverleihung hatte die Grünen-Politikerin Antje Vollmer eine mögliche „Bild“-Wahl als „Ritterschlag mit Zugang zur Artus-Runde“ für das Massenblatt bezeichnet. Bei der Veranstaltung gab es vereinzelt Buh-Rufe, als die „Bild“-Entscheidung öffentlich wurde. Nach den Worten des Jury-Mitglieds Helmut Markwort („Focus“) hat noch keine Sitzung des Gremiums so lange gedauert, wie die zur Entscheidung für die Kategorie „investigative Recherche“.

Die Nominierten erfüllten die Kriterien Rechercheleistung und gesellschaftliche Bedeutung der Recherche, erläuterte Markwort. Dreimal habe die Jury abgestimmt, dreimal habe es ein Patt gegeben, sagte Markwort. Deshalb sei die Entscheidung für zwei Preisträger gefallen. Die „SZ“-Ablehnung gelte es zu respektieren, sagte Jury-Mitglied Ines Pohl („taz“).

„Der letzte Saurier“ und „Eine Bombenidee“ ausgezeichnet
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Henri-Nannen-Preis - Süddeutsche Zeitung verzichtet auf renommierten Journalistenpreis

12 Kommentare zu "Henri-Nannen-Preis: Süddeutsche Zeitung verzichtet auf renommierten Journalistenpreis"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die SZ-Kollegen haben den inneren und äußeren Anstand gewahrt, als sie die Preisauszeichnung mit der bildzeitung abgelehnt haben. Weiter so. lw.

  • Es wäre doch mal an der zeit eine wirkliche recherche zu betreiben
    und den fall wulff nochmal gründlich zu durchleuchten wieso weshalb warum herr wulff so nieder gemacht wurde welche intressen waren dahinter
    es gibt wahrlich sehr viel schlimmere politiker die aktuell noch im amt sitzen bei denen auch nicht alles rechtmäßig abläuft
    so wie bei herrn wulff müßte über alle politiker recherchiert werden
    es mag sein das dabei nichts rauskommt aber ich würde mich wundern ;-)

    meinen respekt an herrn prantl
    das nenn ich pressefreiheit

  • Herr Leyendecker, Quod licet Iovi, non licet bovi!

  • Es gibt ja in dieser Zeit der inflationär zunehmenden Preisverleihungen den Spruch: "Entweder ehrt der Preis den Preisträger - oder der Preisträger den Preis".

    In diesem vorliegenden Schmierentheater haben nun alle verloren - die klassische Lose-Lose-Situation von Leuten, die an Größenwahn leiden. Gott-sei-Dank möchte man sagen.

  • das ist doch alles eine farce
    die ganze wulff sache stinkt doch bis zum himmel
    und diese pseudo klatsche bekommt noch für die lächerliche recherche einen preis
    kann man überhaupt noch was ernst nehmen

  • Einen Preis für ein Schmierblatt, das auf die Toilette gehört ? Wo leben wir ?

  • ...@ Blücher: Vielleicht nutzt Wulff sein neues Büro in Berlin, um seinerseits ein bischen zu recherchieren und in der zweiten und dritten Ebene eine Aufdeckung zu starten, die IM Erika ein bischen verunsichern könnte. Da sind ein paar Rechnungen noch offen.

  • Richtig so!

    Tatsächlich kann es nicht angehen, dass jemand wie Heidemanns gleichzeitig mit Herrn Davis ausgezeichnet wird:

    Ausgerechnet dem Davis, der die skandalösen Praktiken englischsprachiger Boulevardmagazine aufgedeckt hat...

    Heidemanns hat bei Wulff auch nichts besonderes getan:
    Er hat schmutzige Wäsche gesucht, wie er das bei Schauspielern und anderen Prominenten im Akkord tut.
    Nur hatte die private schmutzige Wäsches dieses Mal eben auch dienstliche und somit politische Auswirkungen.

    Sonst gibt sich Heidemanns meist damit zufrieden, Menschen ihren Ruf zu versauen, indem er die "moralischen" Verfehlungen ihres Privatlebens auch nach Jahrzehnten noch ausgräbt und plakativ präsentiert.

    Wenn das der neue deutsche Qualitätsjournalismus sein soll, dann gute Nacht:

    Statt seriöser journalistischer Arbeit gibt es zukünftig eine industrielle Rasterfahndung nach Skandalen, welche dann je nach Eignung im Boulevard- oder Politikteil diverser Skandalblättchen verwurstet werden. Und als Skandalblättchen treten vermehrt auch früher mal seriöse Zeitungen auf.

    Diesen Preis kann man jedenfalls zukünftig getrost in die Tonne treten, denn er ist schlichtweg unglaubwürdig und somit keinen Pfifferling wert:

    Mit Heidemanns hat ihn jemand erhalten, der für das System steht, das Davis mit seiner Arbeit kritisiert hat.

    Dieser Preis steht für nichts.

  • Das war nicht die Bild-Zeitung, die Präsident Wulff aus dem Amt gemobbt hat, das war die ostdeutsche Pfarrerstochter, die der Bundesregierung vorsteht.
    Wulff hatte die "Frechheit" besessen, die Verfassungsmäßigkeit des ESM in einer Rede im August 2011 kritisch zu hinterfragen und hat dazu seine Bedenken geäußert. Danch hat "Angie" ihn zum Abschuß freigegeben! Die Bild und andere Blätter haben den "Kanzlerbefehl" dann in einer beispiellosen Kampagne ausgeführt. Natürlich hat Angie das nicht selbst gemacht, dafür hat man Boten in der zweiten oder dritten Ebene.
    Der amtierende BP Gauck hat ja in vorauseilendem Gehorsam inb Brüssel schon erklärt daß von Seiten des BVG für den ESM keinerlei Einwände zu erwarten wären.

  • Es gibt sie also doch noch, Journalisten die Eier in der Hose haben.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%