
WaterlooWenige Monate vor dem Verkaufsstart der ersten Smartphones mit dem hoffnungsvollen Betriebssystem Blackberry 10 kann der Hersteller Research in Motion seinen Abwärtstrend stoppen. Das nährt die Hoffnung, dass das kanadische Branchenurgestein noch eine Zukunft hat in einem Markt, der von Apple mit seinem iPhone und den Android-Handys beherrscht wird.
RIM schnitt in seinem zweiten Geschäftsquartal (bis 1. September) finanziell besser ab als in den drei Monaten zuvor. Der Umsatz stieg leicht, der Verlust reduzierte sich und die Kasse füllte sich mit Barem. Das war für die Anleger eine totale Überraschung: Nachbörslich schoss die gebeutelte Aktie am Donnerstag zwischenzeitlich um 20 Prozent in die Höhe.
Von den reinen Absatzzahlen her sieht es aber weiterhin trübe aus: RIM wurde binnen drei Monaten gerade mal 7,4 Millionen Blackberrys los. Zum Vergleich: Apple hatte alleine an den ersten drei Verkaufstagen seines neuen iPhone 5 mehr als 5 Millionen Stück abgesetzt. Im Vorquartal hatte RIM noch 7,8 Millionen Smartphones ausgeliefert und im Vorjahresquartal 10,6 Millionen.
Das Google-Betriebssystem ist in wenigen Jahren zur meistgenutzten Plattform im Smartphone-Markt aufgestiegen. In dritten Quartal 2012 lief nach Zahlen der Marktforscher von Gartner fast jedes dritte verkaufte Computer-Telefon mit Android (72,4 Prozent). Das Erfolgsgeheimnis: Google bietet Android den Geräte-Herstellern kostenlos an und lässt sie die Software auch anpassen. Samsung, HTC, LG, Sony Ericsson – die meisten Handy-Produzenten setzen auf die Google-Plattform. Der Internet-Konzern will dabei an Werbeeinnahmen verdienen. Allerdings steht Android auch im Visier besonders vieler Patentklagen.
Smartphones gab es auch schon bevor 2007 das iPhone vorgestellt wurde – doch erst mit dem Apple-Telefon mit seinem großen Bildschirm begann der wirkliche Siegeszug der Computertelefone. Apple hielt mit seiner iOS-Plattform zuletzt laut Gartner 13,9 Prozent am Smartphone-Markt, heimst jedoch einen beträchtlichen Teil der Gewinne ein, da die gesamte Kette von Geräteentwicklung bis hin zum App Store für passende Programme in der Hand des Konzerns liegt. Allerdings hat Samsung mit seiner breiten Produktpalette den Konzern aus Kalifornien inzwischen abgehängt.
Microsoft würde sein mobiles Betriebssystem Windows Phone gern als dritte starke Kraft im Smartphone-Geschäft etablierten, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Das Bündnis mit dem einstigen Handy-Weltmarktführer Nokia soll es richten, die Finnen installieren die Software auf ihren Smartphones. Im Herbst dümpelte der Marktanteil bei 2,5 Prozent, allerdings dürfte die im November eingeführte Version Windows Phone 8 für etwas Belebung gesorgt haben.
Lange Zeit war die Nokia-Plattform das Maß der Dinge im Smartphone-Markt, bis iPhone und die Androiden sie vom Thron stießen. Seit Nokia vor allem auf Windows Phone setzt, ist Symbian ein Auslaufmodell. Der Marktanteil brach binnen eines Jahres von 16,9 auf 2,6 Prozent ein.
Samsung verkauft nicht nur Geräte mit Android, sondern leistet sich zusätzlich ein eigenes Betriebssystem namens Bada, das auf allen Wave-Geräten installiert ist. Die Software hat inzwischen immerhin 3 Prozent Marktanteil und damit beispielsweise mehr als das Microsoft-System Windows Phone.
Es sei keine Frage, dass noch viel Arbeit vor RIM liege, erklärte der aus Deutschland stammende Firmenchef Thorsten Heins am Firmensitz in Waterloo. Er verwies aber auf die angestoßenen Veränderungen im Unternehmen.
Heins streicht 5000 der einst 16 500 Stellen, um die Kosten in den Griff zu kriegen. Gleichzeitig treibt er die Entwicklung des neuen Betriebssystems Blackberry 10 voran, an dessen Erfolg das Überleben des Unternehmens hängt. Die ersten Smartphones mit der von Grund auf neu gestalteten Software werden Anfang kommenden Jahres erscheinen. Bis dahin muss RIM durchhalten.
Das Management machte keinen Hehl daraus, dass angesichts mauer Verkäufe auch im laufenden Quartal ein operativer Verlust anfallen werde. Zudem müsse RIM viel Geld in die Hand nehmen, um die neuen Smartphones mit Blackberry 10 am Markt zu platzieren. Die Barbestände von RIM lagen zuletzt bei 2,3 Milliarden Dollar und damit leicht höher als drei Monate zuvor.
Überhaupt hat sich die finanzielle Lage etwas entspannt: Im vergangenen Quartal fiel unterm Strich ein Minus von 235 Millionen Dollar (182 Mio Euro) an. Im Vorquartal hatte der Verlust noch bei 518 Millionen Dollar gelegen. Der Umsatz erholte sich leicht um 2 Prozent auf 2,9 Milliarden Dollar.
Vor einem Jahr hatte RIM noch Gewinn geschrieben, nämlich 329 Millionen Dollar. Seitdem ging es bergab. Die Blackberrys verloren gegenüber iPhone und Android kontinuierlich an Boden. Nach Daten des Branchenbeobachters IDC hatten die Blackberrys im zweiten Kalenderquartal nur noch einen Anteil von 4,8 Prozent an den gesamten Auslieferungen. Das war weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts.