Im Gespräch mit: Gordon Crovitz
„Ich bin der einzige Optimist“

Gordon Crovitz, der Herausgeber des "Wall Street Journals" spricht mit dem Handelsblatt über die Krise amerikanischer Printmedien, die Herausforderung der Branche durch das Internet und die Wirtschaftszeitung der Zukunft.

Herr Crovitz, wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage der Tageszeitungen?

Das veränderte Verhalten der Leser wirft für die Zeitungen viele Fragen auf. Ich bin wahrscheinlich der einzige Optimist unter den Zeitungsleuten in Amerika. Das gilt allerdings nur für Wirtschaftszeitungen. Die Zukunft der anderen Großstadtzeitungen sehe ich weniger positiv.

Warum sind Sie gerade für Wirtschaftszeitungen zuversichtlich?

Wir wissen alle, dass die Technologie die Art und Weise, wie wir Informationen heute aufnehmen, stark verändert hat. Das gilt insbesondere für wirtschaftlich orientierte Leser des "Wall Street Journals" oder des Handelsblatts. Unsere Leser sind meist die Ersten, die neue Technologien nutzen.

Geraten denn nicht gerade die Wirtschaftszeitungen dadurch unter Druck?

Nein. Es ist viel leichter für eine Zeitung wie das "Wall Street Journal", sich auf ihr Thema und ihre besondere Leserschaft zu konzentrieren. Unsere Leser sind durch ein gemeinsames Interesse definiert. Großstadtzeitungen definieren sich dagegen rein geographisch. Allgemeine Nachrichten finden sich heute jedoch viel einfacher in den neuen Medien.

Was erwarten die Leser heute von einer Wirtschaftszeitung?

Aus unseren Befragungen wissen wir, dass unsere Leser heute viel höhere Erwartungen haben. Sie wollen die Informationen wann, wo und wie auch immer es ihnen gefällt. Und von der Zeitung verlangen sie, dass sie diesen Wunsch berücksichtigt und dabei in den verschiedenen Vertriebsformen konsistent bleibt.

Haben die Verlage diese Veränderung bereits begriffen?

Bei technologischen Neuerungen machen wir oft den Fehler, die kurzfristigen Reaktionen der Konsumenten zu überschätzen. Zugleich unterschätzen wir jedoch die langfristigen Auswirkungen auf das Verhalten der Verbraucher.

Was heißt das konkret für die Zeitungsbranche?

Wir stehen erst am Beginn des digitalen Zeitalters. Meine Befürchtung ist, dass Zeitungen die Veränderungen unterschätzen und nicht stark genug auf die Wünsche der Leser reagieren.

Welche Fehler machen die Zeitungen?

Viele große Zeitungen haben ihre journalistische Qualität reduziert. Internetversierte Leser, insbesondere jüngere, finden jedoch sehr schnell heraus, wie sie die gleichen Informationen einer solchen Zeitung online bequemer und schneller erhalten können.

Welchen Weg geht das "Wall Street Journal"?

Wir wollen unseren Lesern einen Mehrwert in Form eines erklärenden Journalismus bieten. Der Leser soll sofort erfahren, was eine Nachricht für ihn bedeutet. Das ist heute im digitalen Zeitalter mit seiner Informationsüberflutung noch wichtiger als früher.

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