Die multimilliardenschwere Übernahme des fünftgrößten US-Mobilfunkers Alltel zeigt, dass der Handymarkt in Übersee größere Chancen bietet als der europäische. Jetzt zahlt sich für die Deutsche Telekom aus, dass sie schon seit Jahren mit T-Mobile in Amerika aktiv ist.
NEW YORK. Auf den ersten Blick ist die Übernahme des US-Mobilfunkers Alltel ein typischer Fall für die Private-Equity-Branche. Mit seinem relativ geringen Schuldenstand und einem hohen Cash-Flow ist das Unternehmen aus Arkansas ein idealer Kandidat für eine weitgehend auf Kredit finanzierte Transaktion. Der hohe Kaufpreis von mehr als 27 Mrd. Dollar zeigt jedoch, dass die privaten Finanzinvestoren in Alltel mehr als eine Buy-out-Routine sehen. Anders als in Europa ist der US-Mobilfunkmarkt in Amerika noch nicht gesättigt. Experten rechnen in Amerika in den kommenden Jahren noch mit zweistelligen Zuwachsraten und halten eine weitere Konsolidierung in der Branche für wahrscheinlich.
Neben privaten Finanzinvestoren sollen auch die größeren Konkurrenten auf dem Mobilfunkmarkt Interesse an Alltel bekundet haben. Insbesondere für Verizon war der Mobilfunker interessant. Beide Unternehmen sind bereits Partner. Verizon-Kunden telefonieren in Landstrichen über das Alltel-Netz, in denen Verizon keine eigenen Antennen aufgestellt hat. Beide Unternehmen nutzen zudem dieselbe Technik: den US-Standard CDMA.
Für Verizon hat jedoch Priorität, erst einmal die Mehrheit im eigenen Haus zu sichern. Der US-Konzern hält bislang nur 55 Prozent an der eigenen Mobilfunktochter Verizon Wireless. Der Rest gehört dem britischen Konzern Vodafone. Versuche, die Briten aus dem Joint Venture herauszukaufen, sind bisher gescheitert. Nachdem sich Vodafone jetzt jedoch stark in Indien engagiert hat, hoffen die Amerikaner auf eine neue Chance. Dafür benötigen sie jedoch das nötige Kleingeld und können offenbar nicht gleichzeitig knapp 30 Mrd. Dollar für die Übernahme eines US-Konkurrenten ausgeben.
Alltel ist die Nummer fünf auf dem amerikanischen Markt. Seine rund zwölf Millionen Kunden leben vor allem im Mittleren Westen, den westlichen Bundesstaaten und im Süden der USA. Das 1943 gegründete Unternehmen bietet seit 1985 Mobilfunkdienste an und hat sich im vergangenen Jahr von seinem Festnetzgeschäft getrennt. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 7,8 Mrd. Dollar erwirtschaftete Alltel einen Reingewinn von 1,1 Mrd. Dollar.
Damit ist das Unternehmen kaum stark genug, um allein die notwendigen Investitionen für die Modernisierung der Mobilfunknetze zu stemmen. So wird der Regulierer, die Federal Communications Commission (FCC), demnächst neue Spektren für Breitband-Mobilfunknetze versteigern. Über diese drahtlosen Datenautobahnen können dann die Kunden nicht nur telefonieren, sondern auch ihre E-Mails abrufen, im Internet surfen, Musik herunterladen oder ihre Lieblings-TV-Show ansehen – und das alles in Höchstgeschwindigkeit. Symbol für das neue Mobilfunkzeitalter ist das iPhone von Apple, das im Juni auf den amerikanischen Markt kommen und ein Alleskönner sein soll.
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Wie beim Internetzugang ist die Geschwindigkeit der Datenübertragung auch beim Mobilfunk zu einem entscheidenden Wettbewerbsparameter geworden. Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen dem klassischen Telefon, dem Fernsehen und dem Internet. Die herkömmliche Festnetzleitung verliert immer mehr an Bedeutung. Viele Kunden verfügen nur noch über ihre Mobilfunknummer. Die Unternehmen haben sich darauf eingestellt und bieten unter dem Namen „triple play“ alles aus einer Hand an. Kabelgesellschaften wie Time Warner offerieren schnelle Internetzugänge und Sprachdienste (VoIP), Telefongesellschaften wie AT&T und Verizon steigen ins TV-Geschäft ein.
Die Investitionen dafür gehen in die Milliarden – ein Kraftakt, der auch auf die neuen Eigentümer von Alltel zukommt. „Die Finanzinvestoren haben klar gemacht, dass sie groß in das Mobilfunkgeschäft investieren wollen“, sagt Alltel-Chef Scott Ford.
Fachleute gehen davon aus, dass der hohe Investitionsbedarf zu einer weiteren Konsolidierung auf dem US-Markt führen wird. Als potenzieller Übernahmekandidat gilt neben anderen Sprint-Nextel. Das Unternehmen steckt nach der Fusion vor zwei Jahren in einer Krise. Mit einem Marktwert von mehr als 60 Mrd. Dollar dürfte es jedoch außerhalb der Reichweite der meisten Konkurrenten liegen. Marktführer AT&T ist zudem noch mit der Integration von Bell-South beschäftigt und würde mit seinen 60 Millionen Mobilfunkkunden bei einer weiteren Übernahme die Kartellwächter auf den Plan rufen.
AT&T ist zu groß, Verizon und Sprint-Nextel sind mit sich selbst beschäftigt, Alltel ist verkauft – es bleibt T-Mobile, die US-Tochter der Deutschen Telekom und Nummer vier auf dem amerikanischen Markt. Obwohl T-Mobile in den USA ehrgeizige Wachstumsziele verfolgt, ist das Bonner Mutterhaus bislang vor einer teuren Übernahme zurückgeschreckt. Die Konzernzentrale setzt stattdessen auf organisches Wachstum. Im ersten Quartal gewann T-Mobile 980 000 Kunden aus eigenen Kräften hinzu. Telekom-Chef René Obermann sieht die US-Tochter als integralen Bestandteil des Konzerns und lehnt Aktionärsforderungen nach einem Verkauf kategorisch ab. Aus gutem Grund: Ist T-Mobile doch im Moment der wichtigste Ertragsmotor der Deutschen Telekom.
Damit ist jedoch die strategische Frage nach der Zukunft auf dem wichtigen US-Markt noch nicht beantwortet. Obermann verkündete deshalb auch vor kurzem eine interessante Kurskorrektur: „Wir suchen gezielt nach Wachstumschancen im Ausland, besonders im Mobilfunk.“
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Amerika-Tochter rettet Deutsche Telekom
Teurer Kauf: Die Deutsche Telekom ist seit 2001 in den USA vertreten. Der damalige Chef Ron Sommer kaufte für umgerechnet 50 Mrd. Euro inklusive Schulden den US-Mobilfunker Voicestream. Die Telekom ist damit der einzige europäische Netzbetreiber, der eine eigene Mobilfunktochter im schnell wachsenden amerikanischen Markt besitzt.
Zugpferd: T-Mobile USA ist die einzige Wachstumsphantasie des gesamten Konzerns. Stockt das Kundenwachstum jenseits des Atlantiks, gerät der gesamte Konzern ins Wanken. 2005 profitierte die US-Tochter vor allem vom Verkauf ihrer Anteile an einer gemeinsamen Netzgesellschaft mit Cingular.
Kein Verkauf geplant: Telekom-Chef René Obermann beteuert ebenso wie sein Vorgänger Kai-Uwe Ricke, dass er T-Mobile USA nicht verkaufen möchte. Erst Ende vergangenen Jahres hat die Telekom gut drei Mrd. Euro für neue Mobilfunklizenzen in den USA ausgegeben – mehr als jeder andere Wettbewerber vor Ort. Bis Ende 2008 will Obermann weitere zwei Mrd. Euro in die Hand nehmen, um sein US-Netz auszubauen und auch datenintensive Internetanwendungen auf dem Handy zu ermöglichen.
Starker US-Markt: Der amerikanische Mobilfunkmarkt bietet wegen der geringeren Verbreitung von Handys bessere Wachstumschancen als Europa. Die US-Bürger nutzen zudem Handys eifriger: Die amerikanischen Vertragskunden von T-Mobile telefonieren 17 Stunden im Monat mobil – und damit fast sechsmal so lange wie Europäer.

