Seit Jahren verbindet die beiden Softwarekonzerne Oracle und SAP eine tiefe Feindschaft. Jetzt eskaliert der Streit vor Gericht. Der US-Konzern wirft dem deutschen Konkurrenten Industriespionage vor. Doch vor Gericht wird der Krieg der beiden Softwarelieferanten nicht entschieden, sondern auf dem PR-Feld. Eine Handelsblatt-Reportage.
FRANKFURT. Der Kampf dauerte 16 Monate. Dann konnte Larry Ellison, Chef des kalifornischen Softwarekonzerns Oracle, den Erfolg vermelden: Der kleinere Rivale Peoplesoft stimmte einer Übernahme zu – nachdem er sich mit allen Mitteln gewehrt hatte. Doch Ellison, ein notorischer Großsprecher und extrem streitbarer Manager, gab einfach nicht auf. Sobald er einmal den widerspenstigen Konkurrenten an der Angel hatte, ließ er nicht los und tat alles, um diesen auch ins Boot zu holen.
Vor fast drei Jahren spielte sich das ab. Es ist eine bekannte Geschichte – auch in Walldorf bei dem Oracle-Konkurrenten SAP. Und sie gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, was der deutsche Softwarelieferant möglicherweise in der nächsten Zeit erlebt.
In diesem Fall könnte Ellison seine Unnachgiebigkeit sogar noch länger unter Beweis stellen: 18 Monate. So viel Zeit will sich Oracle nehmen, um Beweise zu sammeln. Belege dafür, dass die SAP-Tochter TomorrowNow Daten vom Oracle-Rechner geladen hat. Ende März hat der US-Konzern den deutschen Konkurrenten daher wegen Industriespionage verklagt und schon bald darauf mit dem Antrag, die Beweisaufnahme auf 18 Monate auszudehnen, deutlich gemacht: Man ist nicht unbedingt daran interessiert, den Rechtsstreit schnell beizulegen.
Bei den SAP-Managern ist Oracles wichtigste Botschaft schon vorher angekommen: „Oracle spielt auf Zeit, keine Frage“, heißt es in den Gängen der Walldorfer SAP-Zentrale. Die Hoffnung auf eine schnelle außergerichtliche Einigung, sie scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.
„18 Monate für die Beweisaufnahme – das ist auch für US-Verhältnisse eine respektable Zeit“, sagt der Anwalt einer renommierten deutschen Sozietät. „SAP soll medienwirksam weichgekocht werden“, vermutet ein Manager des Konzerns. Das für Dienstag geplante erste Treffen vor dem Bezirksgericht in San Francisco ist zunächst einmal auf den 11. September verschoben worden – allerdings wegen Unwohlseins eines Richters.
Tatsächlich zeichnet sich das Szenario für die nächsten Monate immer deutlicher ab. Es ist das, was Marktkenner schon seit längerem befürchten: ein Krieg, der nicht vor Gericht, sondern auf dem PR-Feld entschieden wird. Regelmäßig wird Oracle in den nächsten Monaten wahrscheinlich Stellung zum laufenden Verfahren beziehen. Das bringt Aufmerksamkeit – bei den Medien und auch bei den Kunden.
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Doch es ist kein ungefährlicher Kurs, warnen Branchenkenner. „Das wird SAP in den ersten Monaten zwar treffen, aber irgendwann wird die Aufmerksamkeit nachlassen. Dann wird es für Oracle schwer werden“, sagt ein Manager eines IT-Beratungshauses.
Es wäre nicht die erste Schlacht, die der kampfjetfliegende Ellison mit SAP ausfechten muss. Immer wieder geraten die beiden Konzerne aneinander – obwohl sie auch aufeinander angewiesen sind, schließlich läuft der größte Teil der SAP–Software auf Oracle-Datenbanken. Doch auch dies ändert nichts an den gegenseitigen Attacken.
Das Säbelrasseln zwischen SAP und Oracle begann bereits in den 80er-Jahren – zunächst personifiziert in den beiden Unternehmensgründern Larry Ellison und Hasso Plattner. Nicht nur beim Kampf um Kunden, auch beim Hochseesegeln, dem Lieblingssport der beiden, haben sich die Kontrahenten harte Kämpfe geliefert. Legendär ist jene Geschichte, als Plattners Team in voller Fahrt der Mast brach. Als die Ellison-Crew – allerdings entgegen vielfachen Darstellungen ohne den Oracle-Boss selbst an Bord – lachend vorbeisegelte und keine Hilfe anbot, zeigten Plattner und seine Mannen aus Wut ihre entblößten Hinterteile.
Wohl in keiner anderen Branche üben sich Wettbewerber derart in Wortgefechten wie die Anbieter von Firmensoftware. Man stelle sich vor, der deutsche Chemieriese BASF würde, unmittelbar nachdem Bayer seine Quartalszahlen bekannt gibt, einen deftigen Kommentar dazu abgeben. Undenkbar. Bei SAP und Oracle hingegen längst Realität.
Als Larry Ellison vor ein paar Monaten die Quartalszahlen seines Unternehmens ankündigte und lautstark verkündete, man wachse deutlich schneller als SAP und gewinne kontinuierlich Marktanteile, schlugen die Walldorfer sofort zurück. Die Zahlen und Daten seien komplett verzerrt durch die zahlreichen Übernahmen von Oracle, die Darstellung entspreche nicht den Fakten, tönte es aus Baden.
Es sind nicht nur zwei Konzerne, die da aneinandergeraten, es sind auch zwei unterschiedliche Strategien, für die SAP und Oracle stehen. Die Deutschen setzen auf organisches Wachstum, die Amerikaner auf Zukäufe. Dabei hatte auch Ellison zunächst vor, mit eigenen Entwicklungen SAP als die Nummer eins unter den Softwarelieferanten für Unternehmen zu verdrängen. Doch als das floppte, legte der ehrgeizige und häufig unbequeme Software-Guru mit dem Hang zum Größenwahn radikal den Hebel um. 30 Übernahmen für 25 Milliarden Dollar stemmte Oracle in den zurückliegenden Jahren.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Noch ist der Abstand zwischen SAP und Oracle zu groß.
Zumindest eines hat Ellison nach derzeitiger Lage bewiesen: Auch in der Softwareindustrie sind Übernahmen möglich – etwas, was Experten lange Zeit angezweifelt haben. Ob der drahtige Manager allerdings noch den Sturz des Königs SAP erleben wird, ist fraglich. Noch ist der Abstand zwischen beiden einfach zu groß: SAP kommt im stark fragmentierten Markt für Firmensoftware auf etwa 26 Prozent, Oracle erreicht gerade mal 15 Prozent.
Das ficht Ellison auch nicht an, er tönt aber großspurig: „Falls SAP in den Rückspiegel schauen sollte: Wir sind diejenigen, die sich mit großer Geschwindigkeit nähern.“
Natürlich, auch er weiß, dass SAP nicht untergehen wird. Schließlich ist der Markt groß genug für zwei Anbieter, und ihre Kunden wollen eine Alternative haben. Zu groß ist die Furcht vor der Abhängigkeit von nur einer Software-Firma. Doch für den Oracle-Boss steht fest: „Wer will, dass seine Programme alle reibungslos zusammenarbeiten, vertraut besser auf Oracle statt auf SAP“, rief er jüngst Finanzanalysten zu.
Die sind inzwischen aber skeptisch geworden und stellen einiges infrage von dem, was Ellison lauthals verkündet. Zuletzt die Wachstumsprognosen des Konzerns. Vielleicht muss Oracles Oberboss daher zu anderen Mitteln greifen, um SAP zu schwächen – beispielsweise zu einem langen Rechtsstreit.

