In eigener Sache: Viele Leser begrüßen den Schritt aus der Anonymität

In eigener Sache
Viele Leser begrüßen den Schritt aus der Anonymität

Wir wollen mehr Debattenkultur, Offenheit und Toleranz. Unsere Entscheidung, nur noch registrierte Nutzer kommentieren zu lassen, wird bislang überwiegend positiv aufgenommen.
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DüsseldorfEhrlich gesagt: Wir hatten mit mehr Protest gerechnet, als wir uns entschlossen, die Kommentarfunktion auf Handelsblatt Online in Zukunft nur noch registrierten Nutzern anzubieten. Doch die Reaktionen auf unsere Ankündigung sind bisher tendenziell positiv.

Der Schritt ist uns nicht leicht gefallen, viel Überlegung stand dahinter. Denn in jedem Fall sind wir an einer Debatte rund um unsere Berichterstattung und an der Meinung unserer Leser sehr interessiert. Die Erfahrung hat aber leider häufig gezeigt, dass selbst unter erwachsenen Menschen eine sachliche Diskussion nicht immer möglich ist. Wo es an Argumenten fehlt wird gelegentlich im Schutz der Anonymität beleidigt, diffamiert und digital so viel Lärm erzeugt, dass von der eigentlichen Debatte nicht mehr viel übrig bleibt. Viele unserer Leser fühlten sich dadurch gestört.

Umso mehr freuen wir uns über die größtenteils positiven Rückmeldungen unter unseren Artikeln und im Kurznachrichtendienst Twitter, wo unser Entschluss diskutiert wird. „Eine gute Entscheidung und längst überfällig“, nennt etwa Kommentator Martin Zühlke die Neuerung. Beleidigungen und Verschwörungstheorien hätten in letzter Zeit ein unerträgliches Maß angenommen.  Auch Leser Klaus Matern begrüßt den Schritt. „Große Klappe haben, uns sich hinter einem Pseudonym verbergen kann jeder. Dadurch ist doch der Meinungsmanipulation Tür und Tor geöffnet. Ich stehe zu meiner Meinung. Das ist doch hier kein Flirtportal“, schreibt er. „Ein guter Ansatz“, schreibt Nutzer „wachsamer“, der sich aber sofort als Gregor Scharf zu erkennen gibt. Sein Grund für Klarnamen: „Die Anonymität hat doch zu viele dazu verleitet, hier ihren ganz persönlichen Frust abzulassen oder sich ganz bewusst einfach nur ein wenig Streit zu suchen.“

Auch im Kurznachrichtendienst Twitter sind wir Gegenstand der Diskussion. Gunnar Jans fragt: „Das Handelsblatt lässt nur noch registrierte Nutzer mit Klarnamen kommentieren. Keine anonymen Pöbeleien mehr. Gangbar für alle?“

Zahlreiche Twitterer diskutieren mit. Die meisten äußern den Wunsch nach mehr Debattenkultur. So zum Beispiel Wolfgang Krüll: „richtig und gut !!! der anonyme wahnsinn in deutschland muss aufhören“ (sic!), schreibt er.

Andere Nutzer sehen unsere Entscheidung etwas zwiespältig. Einerseits begrüßen sie den Versuch, mehr Qualität und Sachlichkeit in die Debatte zu bekommen. Andererseits wünschen Sie keine Pflicht zum Klarnamen. „Ich empfehle Ihnen aber dringend den sogenannten Nickname auf Wunsch des Users beizubehalten“, schreibt Kommentator „behling100“. Den Wunsch nach Anonymität begründet er mit dem Datenschutz und der Sorge vor Nachteilen bei der Arbeitssuche. „So ist es in Personalabteilungen schon lange üblich, auch Bewerber im Vorwege zu googeln“, schreibt er. Nutzer „framu“ hält es mit Oscar Wilde. „Gib einem Menschen eine Maske und er wird Dir die Wahrheit sagen“, schreibt er. Er wünscht sich statt Registrierungspflicht und Klarnamen lieber technische Möglichkeiten, um Störer und Trolle zu stoppen.

Mit unserer Entscheidung hin zu mehr Offenheit in der Debatte stehen wir übrigens nicht alleine dar. Mehr und mehr Nachrichtenseiten lassen nur noch Kommentare von registrierten Nutzern zu. Auch Google hat erst jüngst die Kommentarfunktion des für seine unterirdische Debattenqualität bekannten Videoportals Youtube umgestellt. Dort können Nutzer nun nur noch kommentieren, wenn Sie registriert und angemeldet sind. Also: Registrieren Sie sich. Handelsblatt Online Chefredakteur Oliver Stock lädt Sie auch weiterhin ein, sich mit Ihrem Namen anzumelden und uns und den anderen Lesern Ihre Meinung zu sagen. Falls Sie noch kein registrierter Nutzer sind: Hier geht es zur Anmeldung.

Till Simon Nagel
Till Simon Nagel
Handelsblatt Online / Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " In eigener Sache: Viele Leser begrüßen den Schritt aus der Anonymität"

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  • Ja, Klasse für die Demokratie.

    Gerade der Schutz des Verborgenen lässt Denkweisen und Meinungen doch erst ungefiltert zu und reflektiert damit die Essenz des Gedankens.

    Das tägliche Miteinander, außerhalb der virtuellen Welt, ist doch ohnehin nur ein geballtes Konglomerat an Lügen, Falschheit und Scheinheiligkeit.



    Kommentarfunktionen deaktivieren, Political Correctness und Zensur tragen nicht bei zu einer echten Demokratie und dem Recht, unbequeme Dinge auch beim Namen nennen, selbst, wenn man damit Leuten vor den Kopf stößt.

    Und die Medien posaunen ohnehin einhellig.
    Es kann nicht sein, was nicht sein darf, lautet doch beinahe das journalistische Credo.

    Jede Zensur ist auch eine versuchte Meinungsmanipulation.

    Nur das Internet bietet Gelegenheit, einen virtuellen Blick in die Seelen zu werfen.

    Das will nicht missen,ebenso, wie viele andere auch.

    Diejenigen, die das eindämmen oder sogar zu verhindern versuchen, sind vom Freiheit und Demokratie Verständnis weit entfernt.





  • Funktioniert total super, diese Klarnamenpflicht. Hammer.

  • Es ist kein gutes Zeichen für die Demokratie, dass immer häufiger Klarnamenpflicht eingeführt oder gefordert wird. Ohne Anonymität oder Pseudonymität ist die Meinungs- und Pressefreiheit nur noch eine leere Hülle.

    Gerade Zeitungen sollten sich dieser Verantwortung bewusst sein. Auch guter Journalismus benötigt regelmäßig Anonymität.

    Wer will denn unter eigenem Namen seine Meinung äußern, falls dadurch sein Job, seine Ehe oder gar die Gesundheit in Gefahr sind. Diese Leute werden künftig schweigen.

    Dagegen werden die Trolle einfach als "Sepp Maier" oder "Hans Wurst" posten und sie haben nichts erreicht. Wir haben es getestet und KEINE Plattform konnte Fake-Namen verhindern.

    Es wäre ein gutes Zeichen, falls Sie auf die nutzlose und demokratiefeindliche Klarnamenspflicht wieder verzichten würden.

    Dipl.-Ing. Klaus D. Minhardt
    Vorsitzender
    DJV Deutscher Journalisten-Verband
    Berlin-Brandenburg e.V.

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