Indien bietet Klasse und Masse
Das IT-Wunderland

Der Aufstieg Indiens vom Armenhaus zur Wirtschaftsmacht ist eng mit den Erfolgen der Technologie-Branche verknüpft. Das Land profitiert mehr als alle anderen Länder von der Verlagerung anspruchsvoller Dienstleistungen in Niedriglohnländer.

NEU-DELHI. Der Trend erfasst immer komplexere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie Bürotätigkeiten: Für Wall-Street-Größen bereiten Banker in Bombay Finanzdeals vor, Anwälte in Delhi beantragen Patente für Fortune-500-Firmen.

Auch im globalen Innovationsnetz deutscher Firmen erringt Indien einen Logenplatz. Bosch hat in Bangalore sein größtes Entwicklungszentrum im Ausland errichtet. Rund 3000 Mitarbeiter entwerfen unter anderem Software für Navigationssysteme und Motorsteuerungen. „Der internationale Wettbewerb lässt Bosch keine Alternative“, sagt Leiter Walter Grote. „Arbeit wird dort gemacht, wo sie am besten und am günstigen ist.“ Nur wer beim Offshoring-Trend die Nase vorn habe, könne auf den Weltmärkten mithalten.

Ein indischer Ingenieur verdient ein Viertel einesdeutschen, und er spricht Englisch. Neben der Klasse bietet Indien auch die Masse. Jährlich bringen Indiens Universitäten 250 000 neue Ingenieure hervor – viermal mehr als die USA. Allein Bosch will in den kommenden Jahren jeweils 1 000 Inder einstellen, und der Zulieferer ist nicht allein. Für Siemens entwickeln auf dem Subkontinent 5 000 Ingenieure Software, Medizintechnik und Kraftwerke. Amerikanische Firmen heuern noch stärker: So erhöhte IBM die Zahl seiner Mitarbeiter in Indien zwischen 2003 und 2005 von 30 000 auf 50 000. EDS, Hewlett Peckard und Gap Gemini rekrutierten ähnlich fieberhaft, und Dell will die Zahl der indischen Angestellten bis 2008 auf 20 000 verdoppeln.

„In den nächsten 15 Jahren wird Indien den Welthandel mit Dienstleistungen genauso revolutionieren, wie es China in den letzten 15 Jahren beim Welthandel mit Gütern gelungen ist“, meint Arvind Virmani, einer von Indiens renommiertesten Volkswirten. Seinem Land beschert die Auftragsflut aus dem Westen einen neuen Wachstumsschub. Im Jahr 2000 exportierte Indien Dienstleistungen im Wert von vier Milliarden Dollar, 2005 waren es bereits 17 Milliarden. Im Jahr 2010 soll Indien mit IT und Bürodiensten sowie Forschung und Entwicklung Ausfuhren von 80 Mrd. Dollar erzielen, projiziert der Industrieverband Nasscom. Das hat Auswirkungen auf viele andere Bereiche: Für die 1,8 Millionen neuen Angestellten braucht Indien in den nächsten fünf Jahren so viel zusätzlichen Büroraum, wie in ganz Manhattan vorhanden ist.

Dass Wissensindustrien ihr Land verändern können wie im 19. Jahrhundert die Dampfmaschine England – davon sind viele Inder überzeugt. „Angesichts unserer Wettbewerbsvorteile wird IT zur nationalen Kern-Industrie wie Auto- und Maschinenbau in Deutschland“, sagt Anil Laud, Chef der Siemens- Softwaretochter. Indiens Aufstieg zu einem führenden globalen Dienstleistungsanbieter schafft zwar zu wenig Arbeit für Geringqualifizierte, doch der Boom verändert nicht nur das Image im Westen, sondern wirkt auch nach innen. „Die Technologie-Branche führt uns vor Augen, was dieses Land erreichen kann“, sagt Kiran Mazumdar-Shaw. „Sie ist Symbol für einen viel tiefer gehenden Wandel in Indien“, beobachtet die Gründerin von Biocon, dem Flaggschiff der aufstrebenden Biotechnologie-Industrie.

Die Zuversicht, mit der auch einfache Inder inzwischen nach vorne blicken, lässt sich mit Statistiken nicht fassen. Aber zu spüren ist sie selbst in Armenvierteln und in der Provinz. Die Energie, die diese steigenden Erwartungen freisetzt, trägt Indiens wirtschaftlichen Aufstieg mindestens genauso wieder Offshoring- Boom. Das Selbstvertrauen trägt. Inspiriert vom IT-Wunder, wagen auch Unternehmer aus anderen Branchen den ersten Schritt auf die Weltmärkte.

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