Inside: Intel
Weckruf für den Goliath

Es sind die Geschichten über die Davids, die ihren Goliath herausfordern und in die Enge treiben, die wir so gerne lesen. Und wer beweist die Gültigkeit dieser Parabel für die Wirtschaft besser als die beiden ewigen Rivalen der Chipbranche Intel und AMD?

FRANKFURT. Ein Zehntel der Stellen will der Gigant Intel bis Ende 2007 abbauen, um wieder auf den Erfolgskurs zurückzukehren. Das scheint ein eindrucksvoller Beleg dafür zu sein, dass das Prinzip des Zwergen gegen den Riesen immer noch funktioniert. Oder vielleicht doch nicht?

Ein Blick auf die Fakten: AMD hat lange gebraucht, um als ewiger Zweiter zum Branchenführer Intel aufzuschließen. Am Ende ist es dem Management des wesentlich kleineren Herausforderers gelungen, mit mutigen Entscheidungen und Risikofreude gewaltig Boden gut zu machen.

AMD hat es geschafft, die Brücke zu schlagen zwischen der künftigen 64-Bit-Technologie und dem Wunsch der meisten Kunden, darauf ihre bisherige Software weiter betreiben zu können. Das war und ist in Zeiten knapper IT-Budgets der Unternehmen ein wichtiger Vorteil. Der Erfolg zeigt sich in den Zahlen des Marktforschers iSuppli. Danach ist der Anteil von Intel am weltweiten Halbleitermarkt im vergangenen Quartal von 13,2 auf 11,4 Prozent gesunken.

Noch dazu leidet der Branchenriese stärker als die Rivalen am massiven Preisverfall und den prall gefüllten Lagern mit veralteter Ware. Glaubt man den Zahlen von iSuppli, warten weltweit Halbleiter im Wert von 3,1 Mrd. Dollar auf ihren Verkauf. Davon entfällt Ware im Wert von 1,56 Mrd. Dollar auf Intel.

Dennoch darf der massive Stellenabbau bei Intel nicht vorschnell als Eingeständnis des Scheiterns bewertet werden. Intel gegen AMD, das ist eben auch ein Lehrstück über Monopolisten, die ob ihrer jahrelangen Erfolge irgendwann müde werden. Der Blick für effiziente Strukturen, für die Wünsche des Marktes und für innovative Produkte wird verstellt.

In solchen Situationen ist ein Weckruf nötig. Den hat AMD übernommen. Dass der „Call“ heftig war, dass das schrille Klingeln bei einigen Managern immer noch in den Ohren Schmerzen verursacht, ist keine Frage. Doch er hat seine Aufgabe erfüllt. Intel-Chef Paul Otellini ist mittlerweile hellwach.

Nicht anders ist der radikale Sparkurs zu werten. Gleichzeitig kehrt Intel stärker zu den Wurzeln zurück, den Geschäften rund um den Computer. Geschäftsfelder, die dazu nicht passen, wurden verkauft, wie die Handy-Chips, die an Marvell gingen. Die so genannten NOR-Chips, Speicherchips, die ihre Daten auch ohne Stromversorgung behalten, sind ein weiterer Verkaufskandidat.

Das macht den Konzern künftig schlanker und profitabler, hilft aber natürlich nicht bei dem Ziel, auch bei der Technologie wieder die Führung zu übernehmen. Die Tatsache, wie eng die Kunden mittlerweile das Attribut „innovativ“ mit dem Firmennamen AMD verbinden, ist die größte Gefahr für Intel. Reagiert das Intel-Management nicht, drohen weitere Marktanteilsverluste und in letzter Konsequenz der totale Absturz.

Doch auch hier hat der Weckruf von AMD gewirkt. Das Intel-Management ist entschlossen, das Rennen wieder aufzunehmen. Das zeigt das Beispiel der energiesparenden Chips, wo Intel kräftig gegenüber AMD aufgeholt hat. Und eines wird bei der Diskussion um Technologieführerschaft allzu schnell vergessen: Intel verfügt über ein Heer von 29 000 Forschern und Entwicklern, AMD kommt gerade auf 2 700.

Mag die Geschichte von David gegen Goliath auch schnell erzählt sein, die von AMD gegen Intel wird wohl noch einige Zeit dauern und ist längst nicht entschieden.

koenen@handelsblatt.com

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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