Inside: Oracle
Wie ein Offenbarungseid

Das Softwareunternehmen Oracle kämpft mit harten Bandagen gegen Konkurrent SAP: Jetzt wurden Vorwürfe wegen Industriespionage nicht nur laut, sondern auch offiziell. Hinter der Klage wird aber ein bestimmter Grund vermutet.

FRANKFURT. Klagen gegen Wettbewerber gehören in der modernen Wirtschaftswelt längst zum alltäglichen Werkzeug. Dennoch, Begriffe wie „Industriespionage“ oder „geschäftlicher Diebstahl“ lassen den Beobachter zusammenzucken. Selten zuvor wurde zudem eine Klage derart vehement vorgebracht wie jetzt die des amerikanischen Softwarekonzerns Oracle gegen den Rivalen SAP. Kein Wunder, dass die Investoren verschreckt reagierten.

Tatsächlich sind solche Klagen in keinem Fall zu unterschätzen. Zwar enden sie in den seltensten Fällen vor dem Kadi. Doch auch die übliche außergerichtliche Einigung wird häufig teuer. Ernsthafte Sorgen, der massenhaften und bewusst betriebenen Industriespionage überführt zu werden, muss sich SAP aber nicht machen. Das zeigt der Blick auf die Hintergründe.

Es geht in dem Streit um die Kunden der US-Firma Tomorrow Now. Sie war darauf spezialisiert, die Kunden von J.D.Edwards und Peoplesoft mit Dienstleistungen zu versorgen. Da beide Unternehmen von Oracle aufgekauft wurden, landeten viele Kunden von Tomorrow Now bei Oracle. Dann kaufte SAP den US-Dienstleister und startete ein Programm, um die Tomorrow-Now-Kunden zu einem Wechsel zu SAP zu bewegen.

Genau an dieser Stelle setzt Oracle an. Um bis zu einem Wechsel zu SAP einen reibungslosen Betrieb der bisherigen Oracle-Systeme sicherzustellen, wurden von Oracle die aktuellsten „Updates“ heruntergeladen. Diese Aufgabe ist - so die Lesart der Oracle-Anwälte – unberechtigterweise von SAP übernommen worden. Nun bestreitet keiner, dass Kunden bis zum Auslaufen der Software-Lizenz Anspruch auf eine regelmäßige Pflege ihrer Systeme haben. Die Rechtsauffassung ist hier eindeutig. Die Frage ist, ob SAP zum Herunterladen der Software berechtigt war. Eine solche Frage wurde bislang rechtlich nicht geklärt.

Viel gravierender als die Klage ist freilich das, was zwischen den Zeilen signalisiert wird. Offensichtlich ist das Angebot von SAP/Tomorrow Now an die Oracle-Kunden recht erfolgreich. Es trifft den IT-Riesen und vor allem dessen vor Ehrgeiz strotzenden Boss Larry Ellison an einer empfindlichen Stelle: den Wartungserlösen.

Sie sind enorm wichtig: Im zurückliegenden Quartal setzte Oracle 1,3 Milliarden Dollar mit Lizenzen um, dagegen 2,3 Milliarden Dollar mit der Wartung. Zudem sind die Wartungsumsätze im Gegensatz zu den Softwareverkäufen langfristig und stabil. Am Ende ist die Klage gegen SAP ein Offenbarungseid von Oracle. SAP tut dem US-Konzern mehr weh, als dieser einräumen will. Noch in der vergangenen Woche hatte Ellison lautstark in Richtung SAP verkündet, den Blinker für das Überholmanöver gesetzt zu haben. Doch durch Blinken alleine ist noch keiner schneller geworden.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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