Inside: Ringier
Die Zeit läuft

Beim Ringier Verlag ist nach dem gescheiterten Versuch, mit dem Axel Springer Verlag eine Fusion unter Gleichen einzugehen, kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Im Wochentakt kündigt das größte Schweizer Medienunternehmen derzeit einschneidende Änderungen an. Macht Michael Ringier, für dessen Lebenswerk kein geborener Nachfolger bereitsteht, die Braut hübsch für den Verkauf?

ZÜRICH. Vor allem in der Schweiz, jenem Markt, wo das Medienhaus einst der größte Verlag war, wird geholzt. Chefredakteure müssen gehen, wenn etwa wie beim Flaggschiff „Blick“ die Auflage sinkt. Druckstandorte werden geschlossen, Magazine wie der Wirtschaftstitel „Cash“ eingestellt. Daneben fallen mehr oder weniger spektakuläre Deals mit Springer auf, die Ringier im Zuge seiner Umstrukturierung scheinbar beiläufig abschließt.

Macht Michael Ringier die Braut hübsch für den Verkauf? Sowohl bei Springer wie bei Ringier wird dazu geschwiegen. Springer sei „zu groß für eine Partnerschaft“, ist das Einzige, was sich Michael Ringier in jüngster Zeit entlocken ließ. Bei Springer heißt es immerhin, dass man sich Gelegenheiten im Ausland nicht so einfach entgehen lassen werde. Döpfner hat dem Konzern eine klare Expansionsstrategie verordnet. Er tritt als Manager mit Sendungsbewusstsein auf. Als er kürzlich in der Schweiz die Übernahme eines ausnahmsweise nicht zu Ringier gehörenden Verlags bekannt gab, war das Publikum beeindruckt von einem Konzernlenker, der in das branchenübliche Jammern nicht einstimmen wollte.

Ganz anders Ringier. Bei einem Forum, das der Verlag in seinem Heimatland inszenierte, zeichneten seine Gäste ein düsteres Zukunftsbild für die Printmedien. Die junge Generation zeige am Lesen immer weniger Interesse, war da zu hören. Die klassischen Zeitungshäuser kämen nicht darum herum, sich diesem Trend anzupassen. Andere bedauerten, dass sich Printmedien nicht mehr durch glaubwürdige Hintergrundinformationen auszeichneten – was auch ein Hieb gegen die Gratiszeitungen war. Inzwischen steuert der Verlag selbst einige Titel zur Landschaft der Gratiszeitungen bei.

Passen diese beiden tatsächlich zusammen? Hier der Strahlemann, dort der sich in immer neue Sanierungsschritte stürzende Altverleger? Schlecht wäre das Geschäft aus deutscher Sicht nicht. Ringier ist noch immer ein Unternehmen, das dank seiner zahlreichen Titel in Osteuropa gut verdient. Auch wenn es bei einem Zusammengehen mit Springer in einigen Ländern Kartellprobleme gäbe, dürfte genug übrig bleiben, was sich rechnet. Auch der Schweizer Markt ist nicht uninteressant. Die Margen liegen oft über den deutschen. Und wenn mal etwas schief geht, bleiben die Dimensionen eines möglichen Verlusts auf dem wesentlich kleineren Lesermarkt überschaubar.

Allerdings wird es nichts mit einem Zusammenschluss, solange Eigentümer Michael Ringier nicht einverstanden ist. Er will sein Lebenswerk nicht loslassen und schon gar nicht als Anhängsel in einem Großkonzern aufgehen sehen. Das und der eingeschlagene Schrumpfkurs sind jedoch noch kein Weg in die Zukunft. Als börsennotiertes Unternehmen wäre Ringier diese Strategie längst um die Ohren geflogen. Als Herr im Haus kann er sich mehr Zeit lassen. Viel mehr allerdings auch nicht.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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