Inside: Telecom Italia
Zu kurz gesprungen

Telecom Italia verkauft das Tafelsilber. Der hochverschuldete italienische Telekommunikations-Konzern will sich bis Ende dieses Jahres von seiner brasilianischen Mobilfunktochter Tim Brasil trennen. Das könnte zwar auf einen Schlag viel Geld in die Kasse spülen – die Schätzungen für den Wert der südamerikanischen Tochter liegen bei sechs bis acht Milliarden Euro.

MAILAND. Und in der vergangenen Woche wurde berichtet, dass die mexikanische America Movil 7,7 Milliarden Dollar bietet. Aber langfristig tut sich das italienische Unternehmen mit dem Verkauf keinen Gefallen.

Denn Tim Brasil ist mit mehr als 21 Millionen Kunden und einem Marktanteil von mehr als einem Viertel eine äußerst profitable Tochter, die auch in diesem Jahr wieder die höchsten Wachstumsraten innerhalb des Konzerns vorweisen kann. Kein Wunder also, dass sich die lateinamerikanischen Anbieter um sie reißen. Doch mit dem Verkauf trennt sich Telecom Italia von einer Goldmine und – bleibt auf den heimischen Problemen sitzen. Und die sind nicht ohne.

Wie andere Telefongesellschaften hat auch Telecom Italia bereits mit Umsatzeinbrüchen in der Festnetztelefonie zu kämpfen. Denn auch in Italien wandern viele Kunden zu neuen Anbietern ab oder benutzen nur noch ihr Handy. Und das gesamte Ausmaß der Konkurrenz der Telefonie übers Internet ist in Italien noch längst nicht abzusehen, da die Bewohner des Stiefels langsamer als die anderer Länder den Zugang zum Internet finden.

Um dem Kundenschwund entgegenzuwirken, hat Telecom Italia äußerst attraktive Flat-Rate-Angebote auf den Markt gebracht. Diese neuen Pauschalen, die in anderen Ländern längst gang und gäbe sind, werden nun aber für den eigenen Umsatzschwund mit verantwortlich gemacht werden. In den ersten neun Monaten ging der Umsatz in der traditionellen Festnetztelefonie um 7,4 Prozent zurück. Und im Mobilfunkgeschäft auf dem Heimatmarkt sieht es derzeit mit nur schwachen Umsatzzuwächsen und rückläufigen Gewinnen auch nicht gerade rosig aus.

Die einzigen Lichtblicke bei Telecom Italia sind bisher Brasilien mit seinen zweistelligen Wachstumsraten und das Breitband-Internet-Geschäft – in Italien und im Ausland. Hier will Telecom Italia in den kommenden Jahren acht bis neun Milliarden Euro investieren, um verstärkt auf die Kombination von Fernsehen und Internet zu setzen. Erst in diesem Jahr haben die Italiener AOL Deutschland gekauft, um ihre Marke Alice in Deutschland weiter auszubauen. Der Verkauf von Tim Brasil soll – so die offizielle Wortwahl – „die nötige finanzielle Flexibilität“ dafür bringen.

In der Vergangenheit hat Telecom Italia mit ihren Weichenstellungen schon öfter schief gelegen. Erst im September hat sich das Unternehmen von seiner vorherigen Strategie-Linie verabschiedet, auf die Konvergenz von Mobilfunk und Festnetz zu setzen. Der Aufschrei danach und die politische Einmischung zwangen das Management zwar zu einem kleinen Rückzieher. Sogar der Chairman und Großaktionär Marco Tronchetti Provera reichte seinen Rücktritt ein. Aber wohin die Reise gehen soll, ist nach wie vor unklar.

Der Abschied aus Brasilien sieht jedenfalls nach einem Holzweg aus. Ob die Rechnung aufgeht, Telecom Italia als europäischen Internet- und Medienkonzern aufzustellen, ist mehr als ungewiss. Der Erfolg in Brasilien ist dagegen schon heute gewiss. Und der Blick auf Konkurrenten wie die spanische Telefónica zeigt ebenfalls, dass man in Lateinamerika Geld verdienen kann.

Welchen strategischen Sinn soll es also haben, sich von der einzigen wirklich profitablen Sparte zu trennen? Vielleicht hilft es Telecom Italia, kurzfristig den Aktienkurs nach oben zu treiben. Langfristig betreibt das Management damit aber Wertvernichtung.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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