Insider Insights
Was Politik nicht schafft, werden Gründer schon richten

Die Generation der Millennials wird von der Politik vernachlässigt. Doch Ohnmacht und Hilflosigkeit dürfen im Gründer-Zeitalter nicht die Antwort darauf sein. Ein Appell von Internet-Investor Christian Miele.
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Ich habe ein Sonntagsritual. Nachdem ich früh aufstehe, setze ich mich irgendwo in ein gemütliches Frühstückscafé. Meistens eines, wo die Speisekarte auf recyceltem Papier per Hand geschrieben und auf einem Holzklemmbrett festgemacht wurde. Am Liebsten bestelle ich dann irgendwas mit Avocado und trinke frisch gepresste Säfte. Das fühlt sich gesund und richtig an. Der eigentliche Höhepunkt des Rituals ist für mich aber immer das Zeitunglesen, ohne, wie sonst eigentlich durchgehend, vom nächsten Termin gejagt zu werden.

Vor einiger Zeit dann stieß ich an so einem Sonntag in der „Zeit“ auf einen Kommentar von Alard von Kittlitz, der mich nicht mehr loslassen sollte. In seinem Stück schlägt der Autor als Vertreter meiner Generation, der Generation Y, Alarm. Er erklärt anhand von Zahlen und logischen Abfolgen, so wie ich es mag, ein Phänomen: Die Alten in Deutschland bekämen mehr und mehr Geld in Form von Rentengeschenken und die Jungen müssten das dann ausbaden, so die Argumentation.

Rein mathematisch vergeht die Politik sich hier an den Millennials. Das Konzept kann nämlich nicht funktionieren. Es gibt schlicht nicht genügend junge Menschen, um die vielen Alten, die noch viel älter werden, langfristig durchzufüttern, ohne dass diese in Altersarmut verkümmern. In meinem Kopf geht hier ein rotes Warnlämpchen an. Unangenehm wird es dann an dem Punkt, wo klar wird, dass sich dieser Umstand nicht ändern wird, sondern ganz im Gegenteil, vermutlich sogar weiterhin verschlimmern wird.

Menschen, die zwischen 1980 und heute geboren wurden, fallen in der deutschen Wählerschaft kaum ins Gewicht, wie das Statistische Bundesamt zeigt. 2017 wird mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten älter als 50 Jahre sein. Gleichzeitig wird die Alterskohorte im erwerbsfähigen Alter in den nächsten drei Jahrzehnten besonders stark schrumpfen.

Demokratie, oder besser gesagt Politik, funktioniert eben doch anders: Um gewählt zu werden, braucht eine Partei Stimmen. Wo bekommt man die? Bei der großen Zahl der Alten. Und was heißt das für die Jungen? Anstatt üppiger Renten müssen diese später Pfandflaschen sammeln, weil im erwerbsfähigen Alter nicht gespart werden konnte. Ganz anders als mein frisch gepresster Saft fühlt sich das überhaupt nicht mehr gesund und richtig an.

Alard von Kittlitz hat der Generation Y aus dem Herzen geschrieben. Dass ihm sein „Zeit“-Kollege Stefan Willeke, selbst Jahrgang 1964 und ein Hüter der Errungenschaften der Babyboomer-Generation, mit einem Gegenschlag die Flügel zu stutzen versucht, empfinde ich dabei als eine typische Reaktion eines Ewiggestrigen: Meckere über das Unvermögen der Jungen. Bewahre, was ist. Wehre Dich gegen Neues. Kämpfe, wenn es sein muss, so beschreibt es Willeke, mit einer Schaufel und wirf mit Sand (das sind übrigens kleine Steine mit Symbolkraft). Es wirkt ein bisschen so, als wolle diese Generation unserer Eltern unterdrücken, was sie nicht kontrollieren und verstehen kann – sind sie doch genauso von ihren Eltern erzogen worden. Wie auch immer, sie können es sich aufgrund ihrer Masse leisten.

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